Das Fatigue-Syndrom besteht aus einer krankhaften Müdigkeit und Erschöpfung, die die betroffenen Patienten extrem belasten kann. Die Erschöpfung lässt sich auch durch Ruhe und Schlaf nicht vollständig beheben. Die Ursachen für ein Fatique-Syndrom sind zahlreich und erfordern eine sorgfältige Abklärung der entsprechenden Symptome.

Wie können Sie feststellen, ob bei Ihnen ein chronisches Fatigue-Syndrom vorliegt?

Folgende diagnostische Kriterien wurden von der Fatigue Coalition festgelegt:

A. Sechs der folgenden elf Symptome sind innerhalb eines Monats täglich oder fast täglich nachweisbar, wobei eines davon signifikante Fatigue ist.

  1. Müdigkeit, Energiemangel oder inadäquat gesteigertes Ruhebedürfnis.
  2. Gefühl der Generalisierten Schwäche oder Gliederschwere.
  3. Verminderung von Konzentration und Aufmerksamkeit.
  4. Mangel an Motivation oder Interesse, den normalen Alltagsaktivitäten nachzugehen.
  5. Gestörtes Schlafmuster (Schlaflosigkeit oder übermäßiges Schlafbedürfnis).
  6. Erleben des Schlafes als wenig erholsam.
  7. Gefühl, sich zu jeder Aktivität zwingen zu müssen.
  8. Ausgeprägte emotionale Reaktion auf die empfundene Erschöpfung, beispielsweise: Niedergeschlagenheit, Frustration, Reizbarkeit.
  9. Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags.
  10. Störungen des Kurzzeitgedächtnisses.
  11. Nach körperlicher Anstrengung mehrere Stunden andauerndes Unwohlsein.

B. Die Symptome führen klinisch zu Belastung und Beeinträchtigung im sozialen, beruflichen oder anderem wichtigen funktionellen Bereich.

C. Es gibt anamnestische, körperliche oder labormedizinische Befunde, dass die Symptome Folgen von Krebs oder der Krebsbehandlung sind.

D. Die Symptome sind nicht primär Folge einer psychiatrischen Erkrankung, wie Depression, Somatisierungserkrankung oder Delirium.

Wovon muss das chronische Fatigue-Syndrom bei Krebs abgegrenzt werden?

Abzugrenzen ist das Chronische Fatigue-Syndrom, das auftreten kann, wenn keine Krebserkrankung vorliegt. Hierzu hat das US Center for Disease Control folgende Kriterien aufgestellt:

  1. Schwere Abgeschlagenheit, verbunden mit Reduzierung der üblichen Aktivität um 50% für die Dauer von mindestens 6 Monaten.
  2. Ausschluss aller anderen Erkrankungen, die ursächlich sein können, wie relevante psychiatrische Erkrankungen, aber auch Stoffwechselstörung, Anämie, Vitamin- und Mineralmangelzustände, chronische Intoxikationen, Tumorerkrankungen und andere.

Wodurch kann ein chronisches Fatigue-Syndrom bei Krebserkrankung verursacht werden?

Abgeschlagenheit und verminderte Leistungsfähigkeit können Anzeichen einer Tumorerkrankung sein. Ursache hierfür sind tumorbedingte Veränderungen und vom Tumor gebildete Botenstoffe, die die Stoffwechselprozesse des Körpers beeinträchtigen können. Auch die Behandlung des Tumors kann Fatigue verursachen. Chemo- und Strahlentherapie belasten den ganzen Körper und können zahlreiche Nebenwirkungen verursachen, u.a. Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall und erhöhte Infektneigung. Durch die Hemmung der Blutbildung besteht eine reduzierte Abwehrbereitschaft, Blutarmut und ggf. Blutungsgefahr. Die Blutarmut oder Anämie ist eine häufige Ursache für das Auftreten von Fatigue. Die Produktion der roten Blutzellen im Knochenmark wird durch das Hormon Erythropoetin stimuliert. Sowohl der Tumor als auch die Chemotherapie können zu einem Mangel an Erythropoetin führen und damit die Blutbildung beeinträchtigen. Die Folge ist eine unterschiedlich stark ausgeprägte Anämie, die durch den fortwährenden Sauerstoffmangel den gesamten Organismus nachhaltig schwächen kann.

Wie häufig tritt ein Fatigue-Syndrom bei Krebspatienten auf?

Während der Chemo- und Strahlentherapie tritt Fatigue bei 50 bis 80 % aller behandelten Patienten auf. Chronische Fatigue kann auch Jahre nach der Therapie, insbesondere bei Patienten nach der Behandlung von Lymphdrüsenkrebs beobachtet werden.

Welche Diagnostik sollte zur Abklärung des chronischen Fatigue-Syndroms bei Krebserkrankung durchgeführt werden?

Da viele Faktoren ein chronisches Fatigue-Syndrom verursachen können, ist die Diagnostik, auch im Hinblick auf eine entsprechende Behandlung, wichtig. Zunächst kann mit einem geeigneten diagnostischen Fragebogen das Ausmaß der Fatigue - Belastung festgestellt werden. Mit dem MFI-20 können die Bereiche allgemeine Fatigue, physische Fatigue, verminderte Motivation und mentale Fatigue erfaßt werden. Für die weitere Diagnostik sind folgende Methoden einzusetzen:

  • Körperliche Untersuchung
  • ausführliche Medikamentenanamnese
  • Infektanamnese (EBV-Titer)
  • Hämatologie (Blutbild, Ferritin, Vitamin B12)
  • Hormonentzugssymptomatik (z.B. Schilddrüsenhormone, Nebennierenrindenhormone)
  • klimakterische Beschwerden
  • Elektrolytstörung
  • Sauerstoffuntersättigung (Blutgasanalyse)
  • Ernährungszustand
  • Muskelschwäche
  • neuromuskuläre Fatigue
  • Abklärung Carnitinstoffwechsel
  • psychologische Diagnostik
  • neuropsychologisches Screening
  • Abklärung von Schlafstörungen

Welche therapeutischen Möglichkeiten bestehen zur Behandlung des chronischen Fatigue-Syndroms?

Wegen des komplexen Beschwerdebildes und vieler möglicher Ursachen empfiehlt sich eine diagnostische Abklärung und das Aufstellen eines Therapieplanes im Rahmen einer stationären Rehabilitation in der Sonnenberg-Klinik in Bad Sooden-Allendorf. Bestandteil des Therapieprogramms können folgende Punkte sein:

  • Schulung zum ökonomischen Umgang mit Energiereserven (Prioritäten setzen, planen, delegieren), Körperhaltung, dynamische Körperbalance, Gangart, Atmung, Korrektur ungünstig gestalteter Arbeitsplätze
  • Überprüfung der Medikamententherapie, ggf. Umstellung
  • Bei Bedarf Substitutionstherapie bei Schilddrüsen- oder Nebennierenrindenunterfunktion
  • Anämiebehandlung (z. B. Substitution von Eisen, Vitamin B 12, ggf. Transfusion oder Erythropoeitin)
  • Therapie von Hormonentzugssymptomen und klimakterischen Beschwerden (Phytotherapie, Ernährungsberatung ggf. medikamentöse Therapie)
  • Anleitung zum körperlichen Training, Ausdauertraining, medizinische Trainingstherapie.
  • Konfliktorientierte supportive Psychotherapie, psychoedukative Gruppenangebote
  • Bei Konzentrations- und Gedächtnisstörungen Hirnleistungstraining
  • Bei Depression Psychotherapie, ggf. medikamentöse Therapie
  • Bei Schlafstörungen Schlafhygiene, Entspannungstraining
  • Bei Ernährungsstörungen Ernährungsstatus, Ernährungsberatung, gezielte Substitution von Mikro- und Makronährstoffen
  • Medikamentöse Therapie mit Psychostimulanzien, ggf. Carnitinsubstitution bei Carnitinmangel

Wo können Sie weitere Informationen über ein tumorbedingtes Fatigue-Syndrom erhalten?

Deutsche Fatigue Gesellschaft: www.Deutsche-Fatigue-Gesellschaft.de

Verfasser: Chefarzt PD Dr. med. Johannes Zahner