Die Stoffwechselkrankheit Gicht, hervorgerufen durch erhöhte Harnsäurewerte im Blut, ist schon seit Jahrtausenden bekannt. Bereits der griechische Arzt Hippokrates beschrieb sie als eine „schmerzhafte Erscheinung, die vorwiegend bei wohlbeleibten Männern im höheren Lebensalter anzutreffen ist“. Wohl kaum eine Krankheit ist so eng mit dem Wohlstand verknüpft wie die Gicht. In Zeiten der Not ist sie selten, in Zeiten des Überflusses tritt sie häufiger auf.

Übergewicht ist demnach ein großer Risikofaktor für Gicht.

Harnsäure ist das Endprodukt des Purinstoffwechsels. Purine sind Bestandteile der tierischen und menschlichen Zellkerne. Die Harnsäure in unserem Körper stammt im wesentlichen aus zwei Quellen. Zum einen aus dem Abbau von Purinen, die wir über tierische und pflanzliche Lebensmittel aufnehmen. Zum anderen aus der Umwandlung von im Körper selbst gebildeten purinhaltigen Zellkernbausteinen. Täglich werden neue Zellen aufgebaut und alte Zellen abgebaut. Die dabei freigesetzten Purine werden im Körper zu Harnsäure verstoffwechselt und über die Nieren ausgeschieden.

Bei der Gicht unterscheidet man zwischen einer primären und einer sekundären Form.

Die Anlage zur primären Gicht wird vererbt. Es liegt ein angeborener Fehler im Harnsäurestoffwechsel vor. In den meisten Fällen sind die Nieren nicht in der Lage, genügend Harnsäure auszuscheiden. Der Harnsäuregehalt des Blutes steigt dann über die Norm an (Normalwerte unter 6,5 mg/100 ml). Bei entsprechender Veranlagung fördern Übergewicht, Bewegungsarmut und zu hoher Alkoholkonsum die Entstehung von Gicht.

Die sekundäre Gicht kann als Begleiterkrankung anderer Erkrankungen auftreten, z.B. bei hämatologischen Erkrankungen oder bei zytostatischer Chemotherapie infolge eines vermehrten Zellunterganges.

Bleibt der Harnsäuregehalt über längere Zeit erhöht, kann es zu einem Gichtanfall kommen, wobei die Harnsäure auskristallisiert und sich in verschiedenen Gelenken und Weichteilen ablagern kann. Diese Ablagerungen bleiben anfangs ohne Folgen. So kann jahrelang eine erhöhte Harnsäurekonzentration vorliegen, ohne Beschwerden zu machen. Reichhaltiges Essen und übermäßiger Alkoholgenuss können dann aber plötzlich einen akuten, sehr schmerzhaften Gichtanfall auslösen. Typisch ist bei Gicht der Befall eines der beiden Großzehengrundgelenke oder der Daumengrundgelenke.

Wird ein erhöhter Harnsäurespiegel nicht rechtzeitig behandelt, kann sich eine chronische Gicht entwickeln. Typische Symptome sind Gelenkschmerzen, Bewegungseinschränkung, Gelenksdeformationen sowie die Bildung von Nierensteinen. Unter einer Gichtniere versteht man die diffuse Ablagerung von Harnsäure im Nierengewebe mit der Folge eines Bluthoch- drucks und einer Niereninsuffizienz.

Ernährungstherapie bei Gicht – purinarme Kost

Die richtige Ernährung ist die Grundlage zur Behandlung von Gicht. Wenn Sie übergewichtig sind, sollten Sie langsam und stetig abnehmen. Bei strengem Fasten kann der Harnsäurespiegel in kurzer Zeit sehr hoch ansteigen. Die Folge kann ein Gichtanfall sein. Besonders Innereien, Fleisch und Fleischwaren (Wurst), Fisch und Meeresfrüchte enthalten reichlich harnsäurebildende Purine. Richten Sie sich bei Ihrer täglichen Speiseplangestaltung daher nach den folgenden Empfehlungen. So können Sie einem Gichtanfall vorbeugen.

Tipps für die Praxis

Getreide, Getreideprodukte und Kartoffeln

Die solide Basis der Ernährung bei Gicht sollte aus Getreideprodukten und Kartoffeln bestehen. Essen Sie täglich Vollkornbrot und -brötchen, Vollkorntoast und Vollkornknäckebrot, Vollkornzwieback, aber auch Müsli aus Getreideflocken oder geschrotetem Getreide (Frischkornmüsli). Bevorzugen Sie Naturreis und Vollkornnudeln. Probieren Sie aus, wie gut Getreidegerichte, z.B. aus Grünkern oder Hirse schmecken.

Bereiten Sie mehrmals in der Woche Kartoffeln als Salz- oder Pellkartoffeln zu. Es spricht auch nichts dagegen, Kartoffeln täglich zu verzehren.

Betrachten Sie Kartoffeln und Getreide nicht als Beilage, sondern machen Sie beides zum Hauptbestandteil Ihrer Mahlzeiten.

Gemüse und Obst

Essen Sie bei Gicht täglich reichlich Gemüse, Salate und frisches Obst. Diese Lebensmittel sind kalorien- und purinarm und liefern Ihrem Körper wichtige Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe. Ausnahmen bilden lediglich Hülsenfrüchte und daraus hergestellte Produkte (Erbsen, Bohnen, Linsen, Sojabohnen, Tofu und Sojafleisch). Diese enthalten einiges an Purinen. Sie sollten nur selten verzehrt und die Portionen klein gehalten werden.

Milch und Milchprodukte

Milch, Joghurt, Dickmilch und Kefir mit 1,5% Fett, Buttermilch und magere Käsesorten (bis max. 45% F.i.Tr.) sind gute tierische Eiweißquellen und nahezu purinfrei. Verzehren Sie diese Lebensmittel bei Gicht täglich.

Fleisch, Wurstwaren, Fisch und Eier

Verzichten Sie bei Gicht auf Innereien (Bries, Herz, Hirn, Leber, Lunge, Milz, Niere, Zunge).

Essen Sie nicht mehr als 2-3 mal pro Woche eine kleine Portion Fleisch (100-150g) und auch nicht öfter eine kleine Portion Wurst (50g). Als genussvolle Alternative zur Wurst bieten sich pflanzliche Brotaufstriche auf Gemüsebasis (ohne Hefe) an. Gut schmecken auch Pflanzenfette mit hohem Gehalt naturbelassener Pflanzenöle, z.B. vegetarisches Schmalz. Reformhäuser und Naturkostläden halten ein umfangreiches Sortiment bereit.

Entfernen Sie bei Geflügel die Haut. Sie ist sehr purinreich.

Fisch und Fischkonserven (Sprotten, Ölsardinen, Sardellen) sowie Muscheln liefern viele Purine. Besonders die Fischhaut ist purinreich und sollte in jedem Fall entfernt werden.

Fleischbrühwürfel sind purinreich. Besser Gemüsebrühe verwenden.

Auch Fleisch- und Fischsoßen enthalten Purine. Deshalb besser wenig davon essen.

Eier gehören zu den purinarmen Lebensmitteln. Sie haben aber einen hohen Cholesteringehalt. Essen Sie daher auch hiervon nicht mehr als 2 Stück pro Woche, einschließlich der versteckten in Kuchen, Gebäck, Aufläufen etc.

Zubereitung: Fisch und Fleisch fettarm zubereiten: Kochen, Dünsten, Garen im Römertopf, in beschichteten Pfannen oder in Folie. Der dabei austretende Fleisch- oder Fischsaft sollte nach Möglichkeit nicht verzehrt werden, da er einiges an Purinen enthält.

Wechseln Sie bei Fleisch, Wurst und Fisch konsequent ab. Nicht alles gemeinsam an einem Tag verzehren. Besser: heute Fleisch, morgen Wurst, übermorgen Fisch. Dazu Kartoffeln, Reis, Gemüse, Salat und Obst. So halten Sie von vornherein die Purinzufuhr in Grenzen.

Getränke

Trinken Sie bei Gicht reichlich, bis zu 3 Liter, gleichmäßig über den Tag verteilt. Die Nieren bilden dann mehr Urin, und die Harnsäurekonzentration sinkt. Bevorzugen Sie kalorienfreie bzw. kalorienarme Getränke wie Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetees, verdünnte Obst- und Gemüsesäfte (1/3 Saft und 2/3 Wasser). Auch Kaffee und schwarzer Tee können in Maßen getrunken werden.

Alkoholische Getränke sollten Sie bei Gicht dagegen drastisch einschränken, denn Alkohol steigert die Harnsäurebildung in der Leber und hemmt die Harnsäureausscheidung über die Nieren. Alkoholfreies oder alkoholarmes Bier enthält etwa gleichviel Purine wie normales Bier (15 mg Harnsäure je 100 ml).

Verfasser: Chefarzt PD Dr. med. Johannes Zahner