Teil 1 dieser Serie: Belastungen durch die Krebserkrankung

Krebs im Kontext der Familie

Was passiert, wenn in einer Familie eine Krebserkrankung auftritt, und was braucht die Familie, um diese Herausforderung zu bewältigen? Wie können Menschen sich gemeinsam der Auseinandersetzung mit so einer schweren Erkrankung stellen und sich gegenseitig, soweit möglich, helfen? Der Begriff „Familie“ umfasst in diesem Zusammenhang alle Menschen, mit denen wir eine wichtige, tragfähige Verbindung haben. (Die Familie ist ein Teil des „inneren Hauses“, in dem wir leben, und Teil der bisherigen Lebensperspektiven. Auch unsere ökonomische Situation ist dadurch mit bedingt). Oft ist es so, dass die Menschen um uns herum eine Kraftquelle für uns sind. Mitunter bestehen aber auch Beziehungen, die uns Kraft rauben und das Wachsen der eigenen Kräfte verhindern.

Bedeutung für die ganze Familie

Belastungen, die der Betroffene durch die Diagnose und die Behandlung erlebt, wirken sich auf die Angehörigen aus. Oft wird durch die Diagnose einer „bösartigen“ Erkrankung die gesamte Lebensplanung der Familie aus der Bahn geworfen. Während die normale Alltagswirklichkeit zerbricht, muss sich der Betroffene mit einer neuen Welt auseinandersetzen. Ärzte und das Medizinsystem gewinnen eine große Bedeutung. Die Angehörigen sind oft außen vor, obwohl sie in ihrem Alltag und ihrer Beziehung zutiefst betroffen sind. Deshalb geben sie sich meist große Mühe, einen Beitrag zu leisten und den Heilungsprozess zu fördern. So erhält der Betroffene neben der Unterstützung durch Ärzte und andere Berufshelfer von seinem familiären Unterstützungssystem eine ganze Reihe gut gemeinter Vorschläge und Empfehlungen, mitunter auch Befehle, die ihm vorgeben, was ihm helfen kann, um wieder gesund zu werden. Je nachdem, wie gut sich dieser Chor der Empfehlungen abstimmt, zeichnet sich dann ein klarer Weg der medizinischen Behandlung und der familiären Unterstützung ab - oder aber es entsteht ein schriller Chor disharmonischer Stimmen. Es ist nicht selten so, dass jeder in der Familie seine eigenen Vorstellungen hat, wie die Erkrankung des Patienten entstanden ist und welche Form der Behandlung angemessen ist. Nicht alles, was gut gemeint ist, passt jedoch zu dem, für den es gedacht ist. Manchmal hilft in solchen Fällen ein Familiengespräch. Familienbesprechungen können allerdings sehr aufwändig sein und sich bei großen Familien zu einer „Familienkonferenz“ auswachsen. In jedem Falle ist es aber sinnvoll, die Familie mit ihren Interaktionen und Vorstellungen bewusst wahrzunehmen und entsprechend ihrer Möglichkeiten in die Behandlung (DLH-INFO 25 14. Dezember 2004 – 9. Jahrgang 21) und Unterstützung des Patienten einzubeziehen.

Nicht nur der Patient - auch die Familie braucht Hilfe

Idealerweise erhält nicht nur der Patient psychosoziale Unterstützung. Auch stark belastete Angehörige benötigen gelegentlich professionelle Hilfe. So gelingt es oft, mit wenig Aufwand das familiäre Unterstützungssystem zu stabilisieren. Meist spürt der Betroffene die Grenzen der Belastbarkeit seiner Angehörigen, respektiert sie und nutzt sein weiteres Netz, um sich und seine Familie zu entlasten.

Einige Patienten sehen in der Krankheit eine Chance, sich nicht nur mit der Krebserkrankung auseinanderzusetzen, sondern das Beziehungsgefüge der Familie, in der sie leben, gründlich zu überprüfen und neu zu sortieren. Es kommt auch vor, dass in den Familienbeziehungen nach einer Ursache für die Erkrankung gesucht wird.

Dann heißt es, in Bezug auf die Familie neue Perspektiven zu entwickeln. Beispielsweise mag eine Patientin, die sich in ihrem bisherigen Leben vor allem für ihre Familie eingesetzt hat, denken: „Ich bin doch nicht nur für meine Familie da. Ich kann auch einfach mal nur für mich da sein und mein Leben genießen. Ich lerne, es auszuhalten, dass meine Umgebung den Zustand vorher bequemer fand, als ich still und klaglos funktionierte.“

Die Krebserkrankung kann die gesamte Familienstruktur verändern

Innere Verwandlungs- und Änderungsprozesse eines an Krebs Erkrankten können zu einer neuen Situation in der Familie führen und ihre Struktur verändern. Aus dem „Spinnennetz“, wo im Zentrum einer sitzt, der für alles Verantwortung hat, entsteht ein mehr oder weniger festes oder loses Netzwerk von Beziehungen, wo jeder für sich selbst Verantwortung trägt und Verantwortung für die anderen übernimmt. Zu dieser Verantwortung gehört auch die Fähigkeit - und die kann man durchaus erlernen - Konflikte auszutragen. Es ist einen Versuch wert, es auszuprobieren und zu erleben, was dann passiert. Wenn der Betroffene gelernt hat, seine Interessen zu äußern, sie klar und deutlich zu vertreten und zu ihnen zu stehen, geht das Beziehungsnetz nicht kaputt. Im Gegenteil, es wird vielleicht sogar fester. Es lohnt sich, immer aufs Neue mit Sorgfalt auf das Geflecht der Beziehungen zu achten.

Häufung von Krebserkrankungen

Neben diesen allgemeinen gibt es spezifische Belastungen von Familiensystemen. So wissen wir seit einer Reihe von Jahren, dass in einigen Familien gehäuft Krebserkrankungen auftreten und dass sowohl familiäre Häufungen verschiedener Tumorerkrankungen möglich sind, wie auch die Häufung einzelner Tumorerkrankungen. Der Patient ist dann nicht nur mit seiner eigenen Erkrankung und Lebensbedrohung konfrontiert, er muss sich auch noch mit der Krebsgefährdung seiner Kinder auseinandersetzen, wobei zu betonen ist, dass Tumorerkrankungen überwiegend nicht im engeren Sinne als erblich anzusehen sind. Gibt es eine „krebskranke Familie“ im engeren Sinne, so ist es notwendig, gemeinsam mit dem Betroffenen Strategien zu entwickeln, die ihm Entscheidungshilfen geben, inwieweit sich auch die Angehörigen mit einer möglichen Krebsgefährdung auseinandersetzen müssen.

Familiär gehäuft auftretende Tumorerkrankungen können dazu führen, dass der Betroffene bereits in seiner Kindheit traumatische Erlebnisse mit der Krebserkrankung eines Angehörigen hatte. Häufig ist dann mit der Diagnose einer Krebserkrankung noch stärker als sonst die Vorstellung von qualvollem Tod und Sterben vorhanden.

Es ist eine wichtige Aufgabe, hier aufzuarbeiten, was der Betroffene als Kind erlebt hat und deutlich zu machen, dass das Schicksal des Angehörigen nicht automatisch das eigene Schicksal ist, so dass wieder Vorstellungen möglich sind, gesund zu werden bzw. bei guter Lebensqualität weiter zu leben. Bei der „subjektiven Krebsentstehungstheorie“ handelt es sich um individuelle Vorstellungen, Gedanken, Befürchtungen und Sorgen in Zusammenhang mit der Krebserkrankung innerhalb der Familie. Solche Vorstellungen können - wie auf biologischer Ebene die Gene - von einer Generation auf die nächste übertragen werden. Es ist wichtig, dass die Betroffenen Hilfe erfahren, um das tatsächlich erlebte Leid und die mitunter sehr belastenden Auswirkungen von subjektiven Krebsentstehungstheorien zu lindern.

Die Fortsetzung dieser Serie (Teil 3) beschreibt den "Umgang mit der Angst"

Verfasser: Dr. med. Peter Zürner