Viele Patienten glauben, dass gerade bei oder nach einer Krebserkrankung ihr Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen erhöht ist. Die Medien und im speziellen die Hersteller selbst suggerieren in aufwendigen Broschüren die Notwendigkeit von Nahrungsergänzung. Viele Anbieter behaupten auch, dass das heutige Gemüseangebot weniger Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe enthalte als früher, was jedoch laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung völlig unbegründet ist.

Vorteile einer vollwertigen Ernährung: In verschiedenen Langzeitstudien wurde der krebs- schützende Effekt einer gesunden Kost belegt. Der reichliche und tägliche Verzehr von Gemüse, Salaten und Obst in Verbindung mit Hülsenfrüchten und Vollkorngetreide ist die effektivste und sinnvollste Maßnahme, sich ausreichend – und im richtigen Verhältnis der Nahrungsinhaltsstoffe untereinander – lebensnotwendige Schutzstoffe zuzuführen. Die wirkenden Kräfte beruhen auf dem komplexen Zusammenspiel einer Vielzahl verschiedener bioaktiver Inhaltsstoffe wie sekundärer Pflanzenstoffe, Antioxidantien, Mineralstoffen und Spurenelementen, wie sie in natürlichen Lebensmitteln vorliegen.

Grundsätzlich gilt, dass ein falsches Ernährungsverhalten durch die Verwendung von mit Nährstoffen angereicherten Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln nicht ausgeglichen werden kann. Es gibt bis heute auch keine wissenschaftlichen Beweise, dass isolierte, hoch konzentrierte Wirkstoffpräparate das Risiko für Krebserkrankungen vermindern bzw. in der Tumornachsorge die Heilungsaussichten verbessern. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht spricht derzeit nichts für die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln in Form von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten. Studien haben gezeigt, dass es durchaus negative, unerwünschte Effekte bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln geben kann.

Tipps für die Praxis

Essen Sie täglich – über den Tag verteilt – 5 Portionen Gemüse und Obst. Damit versorgen Sie Ihren Organismus mit reichlich Vitaminen, Mineralstoffen, sekundären Pflanzenstoffen und natürlichen Antioxidantien. Ein hoher Rohkostanteil ist sinnvoll, weil einige sekundäre Pflanzenstoffe durch den Erhitzungsprozess an Wirkkraft abnehmen. Bei den Carotinoiden machen das in Möhren enthaltene Beta-Carotin und das in Tomaten enthaltene Lycopin eine Ausnahme. Aus gedünsteten Möhren und Tomaten oder aus den gewonnenen Säften können diese beiden Carotinoide, in Verbindung mit etwas Fett, sogar noch besser vom Organismus aufgenommen werden.

Essen Sie zu allen Mahlzeiten immer etwas Frisches – Obst, Gemüsestücke, Salat, Obst- oder Gemüsesäfte. Zusätzlich stillen ein Stück Obst oder Gemüse, etwas Vollkorngebäck, ein paar Nüsse (z.B. Mandeln, Walnüsse) oder ein Glas Saft den kleinen Hunger zwischendurch.

Bevorzugen Sie Vollkornprodukte (Vollkornbrot, Vollkornbrötchen, Getreideflocken). Vollkornprodukte enthalten einen höheren Mineralstoffgehalt. Probieren Sie auch Naturreis und Vollkornnudeln. Empfehlenswert ist auch die Kombination von Obst, Getreide und Milchprodukten, zum Beispiel Müsli aus Frischkörnern oder Getreideflocken mit Obst und Joghurt.

Fleisch muss nicht, kann aber in Maßen zweimal in der Woche gegessen werden. Achten Sie hier auf Qualität und bevorzugen Sie Produkte von Tieren aus artgerechter Haltung.

Fisch können Sie regelmäßig ein- bis zweimal in der Woche essen (fetter Fisch enthält wertvolle Omega-3-Fettsäuren, Spurenelemente wie Jod und Selen). Weitere Selenquellen sind Paranüsse.

Verwenden Sie kaltgepresste pflanzliche Öle, Nüsse und Samen (z.B. Mandeln, Sonnenblumenkerne, Walnüsse, Leinsamen u.a.). Das sind die besten und hochwertigsten Vitamin E-Lieferanten. Leinöl enthält zu über 50% Omega-3 und darf gerne regelmäßig für kalte Zubereitungen verwendet werden. Genießen Sie deshalb unseren „Budwigquark“ am Frühstücksbuffet.

Wann ist eine gezielte Substitution von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen sinnvoll und nach welchen stattgefundenen Therapien besteht sogar die medizinische Notwendigkeit?

Chemo- und Strahlentherapie können zu einer Verminderung natürlich vorhandener Abwehr- mechanismen führen.

Wenn Sie durch diese Therapien keine Ernährungsprobleme haben, sollte eine gute vollwertige Kost für Sie immer die Basis sein.

Sollten Sie aber durch Chemo- und/oder Strahlentherapie unter Übelkeit, Erbrechen, Nahrungsmittelaversionen, Durchfällen, Schmerzen u.a. leiden und mit Essen und Trinken Probleme haben, werden Sie zunächst beraten, wie mit natürlichen Lebensmitteln eine vollwertige Ernährung gewährleistet werden kann. Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen in ausgewogener Zusammensetzung können bis zum Abklingen der Beschwerden ergänzend sinnvoll sein.

Operationen im Magen-Darm-Trakt (Magen-, Dünndarm-, und Bauchspeicheldrüse) können Mangelerscheinungen unterschiedlichster Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente induzieren. Die Anpassung der Ernährung an die veränderten physiologischen Bedingungen und die im Hinblick auf die Verträglichkeit eingeschränkte Lebensmittelauswahl lassen in der Regel keine vollwertige Ernährung zu. Je nach Krankheitsbild besteht bei verschiedenen Vitaminen die Notwendigkeit, diese per Injektion zu substituieren, weil sie aus dem Magen-Darm-Trakt nicht oder nicht mehr ausreichend resorbiert werden können. Z.B. nach Magenentfernung Vitamin B12 und häufig auch die fettlöslichen Vitamine. Das gleiche gilt für manche Operationen am Dünndarm oder der Bauchspeicheldrüse. In vielen Fällen kann die fehlende Verdauungsleistung (Maldigestion) durch Gabe von Verdauungsenzymen verbessert werden, so dass nur wenige Ernährungseinschränkungen zu berücksichtigen sind. Hier wird Sie Ihr Arzt beraten und das Notwendige für Sie veranlassen.

Bei Untergewicht, Fehl- und Mangelernährung bestehen Defizite unterschiedlichster Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, eventuell auch ein Eiweißmangel, häufig bereits bei Auftreten der Krebserkrankung. Auch hier sollte wieder eine gute vollwertige Ernährung die Basis sein. Bei Untergewicht hochkalorisch, angereichert mit guten pflanzlichen Fetten, im besonderen Leinöl. Bei Eiweißmangel Zugabe von guten Eiweißquellen wie Quark, mageres Geflügelfleisch, Fisch und Ei. In dieser Situation ist auch die Nahrungsergänzung durch ein ausgewogenes Vitamin- und Spurenelementpräparat sinnvoll. Hier wird Ihr Arzt oder Ihre Ernährungsberaterin Ihnen hilfreich zur Seite stehen.

Verfasser: Chefarzt PD Dr. med. Johannes Zahner