Positiv denken wird im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung sehr oft benutzt. Es ist ein Schlagwort, das man in der Literatur sehr oft liest. Aber viele Außenstehende benutzen dieses Schlagwort, um den Betroffenen oder sich selber Mut zu machen und / oder nicht an das Schlimmste denken zu wollen, es von sich zu schieben. Es kommen Aussagen wie „Denke positiv“, „Es ist jetzt vorüber, Kopf hoch“, „Denke nicht mehr dran, der Blick geht Richtung Zukunft“. Wie auch Stephanie Simonton schreibt:

„Viele Menschen ... sind der Ansicht, dass man emotional am besten mit Krebs umgeht, indem man ständig eine „positive Geisteshaltung“ ausstrahlt. Dieses Verhalten kann jedoch mehr schaden als nützen...“ (Simonton, 1986)

Aus Erfahrung weiß man, dass das positiv Denken „leichter gesagt ist als getan“. Es ist auch für den Betroffenen wenig hilfreich, die oben genannten Aussagen immer wieder zu hören. Ein Betroffener berichtete:

„Ich gehe den Personen aus dem Weg, die immer diese „Sprüche“ von sich geben. Die verstehen einen nicht und es tut mir nicht gut.“

Es wird in der Literatur oft suggeriert, dass man die Erkrankung nur angeht und beeinflusst, wenn man „positiv denkt“ oder immer „positiv gestimmt“ ist. Dies führt dazu, dass man sehr schnell unter Druck gerät und ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man (zur Zeit) nicht positiv denken kann.

Man kann in Bezug auf das „ positiv Denken “ aus der eigenen Erfahrung schöpfen. Jeden Tag die gleiche Befindlichkeit zu haben, ist nicht möglich. Es gibt Tage, wo man einfach müde, angespannt, traurig und ängstlich ist. In solchen Situationen ist es einfach schwer, einen positiven Gedanken zu fassen oder das „das Glas halb voll, anstatt halb leer zu sehen.“ (van der Mei, 2002).

Es gibt aber auch Menschen, die von ihrer Persönlichkeit her, nicht immer optimistisch und positiv denken. Es sind Personen, die vielleicht eher skeptisch, nachdenklich, abwägend und realistisch sind. Diese Art zu „Sein“, hat nichts mit der Grundhaltung zu tun. Man kann trotz dieser Persönlichkeitseigenschaften eine positive Grundhaltung haben, z.B. für seine Gesundheit einzutreten oder etwas gegen die Krebserkrankung zu tun. Diese Personen tun es vielleicht weniger sichtbar oder auf eine andere Art und Weise.

„ Positiv denken “ wird oft gleichgesetzt mit dem Ausspruch „Kampf“. Diese sind aber zwei getrennte und nicht zusammenhängende Aussagen und Grundhaltungen. Personen die weniger „ positiv denken “ (oder anders), können trotzdem aktiv gegen die Erkrankung angehen und eine kämpferische Haltung („Fighting Spirit“; Tschuschke, 2002) annehmen. In der wissenschaftlichen Literatur besteht ein Zusammenhang zwischen der Haltung des „Fighting Spirit“ und einer längeren Überlebenszeit (Spiegel & Kato, 2000; Tschuschke, 2002).

Deshalb ist die Aussage, dass man immer und zu jeder Zeit positiv denken soll, eine sehr schwere Aufgabe und eine sehr schwere Herausforderung, die man als Person nicht schaffen kann. Diese Aussage oder Haltung beinhaltet eine Frustration.

Somit verschafft dieses „positiv denken müssen“ einen hohen innerlichen Druck und eine Belastung. Das Wort „müssen“ bewirkt allein schon, dass ein indirekter Druck entsteht, den man eigentlich nicht haben möchte und der sich kontraproduktiv auf die psychische Befindlichkeit und den Gesundheitsprozess auswirken kann. Deshalb kann man sagen:

„Positiv Denken ist gut, aber ohne den Anspruch es zu müssen“.

Verfasser: Drs. Sicco Henk van der Mei, - Leiter der Abteilung für Psychoonkologie

Literatur:

Mei, van der S.H. (2002) Lust zum Leben. Vortrag der Jahrestagung der deutsche ILCO, Aachen.
Tschuschke (2002) Psychoonkologie. Stuttgart: Schattauer.
Simonton, S.M. (1986) Heilung in der Familie. Hamburg: Rowohlt.
Spiegel, D., Kato, P.M. (2000) Psychosoziale Einflüsse auf Inzidenz und Progression von Krebs. In: Psycholoonkologische Interventionen. Therapeutisches Vorgehen und Ergebnisse. Larbig, W., Tschuschke, V. (Hrsg) München: Reinhardt; 111-50.