Die Bedeutung einer Psychischen Stabilisierung bei der Konfrontation mit der Erkrankung Krebs und dessen Auswirkungen für den Betroffenen selbst stellt ein wichtiges Therapieziel in der Rehabilitation dar.

Man denkt in erster Instanz nicht an eine Krebserkrankung wenn man sich nicht wohl fühlt, die Blutwerte nicht in Ordnung sind oder man Schmerzen hat. Es kommt oft vor, das man einen längeren Weg der Diagnosestellung durchläuft. Dies ist eine quälende Zeit der Ungewissheit. Man geht von Arzt zu Arzt und von Untersuchung zu Untersuchung, bis endlich eine Diagnose „auf dem Tisch liegt“. Viele Patienten hatten das Gefühl „Krebs haben andere, aber ich habe das nicht“. Aber viele haben leider die Erfahrung machen müssen, dass sie doch eine solche Krebserkrankung haben. Einerseits ist nach einer solchen langen Diagnosestellung die Gewissheit da: „Es hat endlich einen Namen und man kann dagegen etwas tun.“ Aber auf der anderen Seite wird man zu früh und zu unerwartet mit den Grenzen des Lebens konfrontiert.

Die erste Konfrontation - Krise

Man wird bei einer Diagnose „Krebs“ auf die Wirklichkeit zurückgeworfen, man ist erst einmal geschockt, man ist nicht funktionstüchtig. „Augen zu und durch“ ist die Devise. „Hauptsache mir passiert nichts und ich bleibe am Leben.“ Dies wird auch als Krisenschock bezeichnet (Sonnek, 2003; van der Mei, 1993). Man wird im Vorfeld der Operation oder Chemotherapie informiert, aber man nimmt alles in Trance war.

Eine Patientin mit Brustkrebs berichtete, dass sie alles im „dichten Nebel“ wahrgenommen hat. Sie sagte: „Ich hatte das Gefühl, ich bin die Person nicht, es betrifft jemand anders - als wenn ein Film vor mir ablief. Ich hatte im nach hinein vieles vergessen.“

Der weitere Verlauf - Bewältigung

Diese Phase wird durch die Reaktionsphase abgelöst (Sonnek, 2003; van der Mei, 1993), die einige Tage bis Wochen andauern kann. In dieser Zeit können sich affektive Turbulenzen mit Apathie abwechseln. Es können Gefühle wie tiefste Verzweiflung, Unsicherheit, Depressivität, Hoffnungslosigkeit, Feindseligkeit und Aggressionen, Wut und Trauer und Selbstvorwürfe entstehen. Es entsteht ein „Wechselbad der Gefühle“.

In der Akutklinik fängt schon die Phase des „Umgangs“ an. In der Akutklinik kann eine erste gute Ausgangssituation geschaffen werden, die zu einem besseren Umgang mit der Beeinträchtigung führen kann. Dabei spielen die Ärzte und die psycho-sozialen Mitarbeiter eine wichtige Rolle. Sie können dem Klienten bei ihren „ups and downs“ stützend zur Seite stehen und den Klienten eine gewisse „Normalität“ vermitteln und somit einen ersten Schritt auf dem Wege zur psychische n Stabilisierung leisten.

Eine psycho-soziale Betreuung (Psychische Stabilisierung) in der Akutklinik wie auch in der Rehabilitationsklinik (Sonnenberg-Klinik) und danach ist unabdingbar. Der Patient hat nicht nur mit seinem Äußeren zu kämpfen, sondern auch mit der Angst, dass man die Erkrankung nicht überlebt oder es zu einem Rezidiv (Wiederauftreten) kommt. Man ist am Anfang sehr auf sich gestellt. Wenige verstehen einen und können es nicht nachvollziehen was man durchmacht. Es kommen Sätze wie: „Ach es ist nicht so schlimm!“; „Du schaffst das schon!“, „Du musst positiv denken!“ Andere wollen gar nichts damit zu tun haben, wenden sich ab oder meiden das Thema. Eigentlich braucht man Unterstützung (psychische Stabilisierung), aber man hat das Gefühl keine zu bekommen. Man fühlt sich ganz allein gelassen, obwohl dies „de facto“ nicht so ist.

Während der Reaktionsphase fängt die Bearbeitungsphase und die Neuorientierung an (van der Mei, 1993; Ulich, 1987). Diese Phasen sind nicht strikt von einander zu trennen. In dieser Situation wird es dem Patienten bewusst, was man durchgemacht hat. Das „Wechselbad der Gefühle“ wird auch in dieser Phase ein Begleiter sein. Die Unsicherheit bleibt. Bei einigen Krebsarten wird die große Mehrheit der Betroffenen geheilt werden, aber viele werden für lange Zeit mit ihrer Krankheit leben müssen und auch können.

Die Auswirkungen

Die Konsequenz ist, dass für viele die Krebserkrankung zu einer chronischen Erkrankung wird. Dies heißt, dass die Betroffenen für die Dauer des Lebens lernen müssen, mit den Risiken und Beeinträchtigungen umzugehen und dass eine Auseinandersetzung mit der ständigen Bedrohung durch ein Rezidiv oder einer Metastasierung der Grunderkrankung gegeben ist. Dies bedeutet vielfältige Auswirkungen auf die Lebensführung und damit Lebensqualität. (Tschuschke, 2002).

Ferner hat man im normalen Alltag viele Dinge zu bewältigen. Wie oben erwähnt, haben die Patienten mit der Konfrontation und den Vorurteilen aus der Umwelt zu kämpfen (Familie, Freunde und Kollegen), aber auch mit den Einschränkungen im privaten Bereich, wie z.B. Einschränkungen im Sport, Urlaub und eine (vielleicht) geringe körperliche wie auch kognitive Belastbarkeit. Durch die vielen Klinikaufenthalte muss man sich gezwungener Maßen einige Zeit vom Partner, Kindern und Freunden trennen, man befindet sich weniger in seiner vertrauten und gewohnten Umgebung. Diese Belastungen können ohne psychische Stabilisierung einen negativen Einfluss auf das Selbstbewusstsein und die innere Sicherheit haben, was wiederum keine gute Voraussetzung für die Bewältigung der Erkrankung ist. Es entsteht ein negativer Kreislauf.

In einer solchen Phase ist es schwer, in erster Instanz eine „Lust am Leben“ zu entwickeln. Manchmal bedarf es erst etwas Zeit, um die Erlebnisse und Gedanken zu sortieren und es braucht auch manchmal Hilfe (psychische Stabilisierung) von Außen – einen Anstoß – um auf den „guten Weg“ zu gelangen.

Der Start aller Dinge ist „man selbst“. Dies ist die beste und auch wichtigste Ressource. Eine Standortbestimmung sollte erfolgen. Dabei ist die „eigene Person“ selbst gefragt und parallel oder in zweiter Instanz erst die Familie und Freunde.

Verfasser: Drs. Sicco Henk van der Mei, Leiter der Abteilung für Psychoonkologie