Vorkommen, Häufigkeit und Risikofaktoren

Schilddrüsenkrebs ist eine seltene Tumorerkrankung, an der in Deutschland jedes Jahr 2.000 – 3.000 Menschen erkranken. Dabei ist die Erkrankung bei Frauen 2 – 4 x häufiger zu beobachten, so dass hormonelle Faktoren bei der Entstehung des Schilddrüsenkrebs vermutet wurden. Als Risikofaktoren sind radioaktive Strahlen bekannt. So kam es nach der Freisetzung von radioaktivem Jod beim Reaktorunfall von Tschernobyl zu einer starken Zunahme von Schilddrüsenkrebs bei Kindern. Häufiger ist die Erkrankung auch bei Kropf, Schilddrüsenknoten und Jodmangel. Bei follikulären und papillären (warzenförmigem) Schilddrüsenkrebs formen konnten verschiedene genetische Veränderungen festgestellt werden. Für das medulläre Schilddrüsencarcinom sind Punktmutationen im Gen des RET-Protoonkogens nachgewiesen.

Symptome

Typisch für Schilddrüsenkrebs ist das Auftreten von Knoten in der Schilddrüse sowie Lymphknotenschwellungen im Halsbereich bei weiter fortgeschrittener Erkrankung. Die Knoten sind meist derbe und schlecht verschieblich. Heiserkeit kann durch die Beeinträchtigung des Stimmnerves (Recurrenslähmung) auftreten. Bei hormonell aktiven Schilddrüsenkrebs formen kann auch Durchfall ein Krankheitssymptom sein.

Diagnostik

Die Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse ist die erste diagnostische Maßnahme. Bösartige Schilddrüsenknoten stellen sich hierbei häufig mit unregelmäßigem Rand und echoarm dar. In der Schilddrüsenszintigraphie sind bösartige Knoten meist kalt, d. h. sie sind funktionell nicht aktiv. Aus diesen Knoten muss durch Feinnadelpunktion Zellmaterial gewonnen und mikroskopisch untersucht werden. Diese Untersuchung muss unter Umständen mehrfach wiederholt werden. Um Fernabsiedelungen auszuschließen, sollte eine Computertomographie des Thorax, ggf. auch des Bauchraumes und eine Ganzkörper-Knochenszintigraphie folgen. Bei den Laboruntersuchungen sind als spezielle Diagnostik TSH, Thyreoglobulin, Calcitonin und CEA wichtig.

Gewebearten

Es werden fünf Hauptgruppen von bösartigem Schilddrüsenkrebs unterschieden:

  1. Follikuläre
  2. Papilläre
  3. Medulläre
  4. Undifferenzierte
  5. Andere

Follikulärer und papillärer Schilddrüsenkrebs macht 80 – 90 % aller bösartigen Schilddrüsenerkrankungen aus. Dabei treten in Jodmangelgebieten follikuläre Carcinome vermehrt auf. Eine Sondergruppe bilden die medullären oder C-Zellcarcinome, die etwa 10 – 15 % des Schilddrüsenkrebs ausmachen. Diese Erkrankung geht von Zellen aus, die keine Schilddrüsenhormone, sondern das Hormon Calcitonin bilden. Bei einem Fünftel der Fälle mit medullärem Schilddrüsenkrebs findet sich eine familiäre Häufung mit Auftreten von Tumoren in anderen Drüsen (multiple endokrine Neoplasie).

Tumorstadien

Die Stadieneinteilung bei Schilddrüsenkrebs erfolgt entsprechend der internationalen TNM-Klassifikation. Als Lymphknotenmetastasen des Schilddrüsenkrebs gelten die Lymphknoten am Hals und im oberen Brustkorb (Mediastinum). Die Prognose des differenzierten Schilddrüsenkrebs ist sehr günstig. So liegt die 10-Jahres-Überlebensrate bei papillärem Carcinom bei 85 bis 95 %, bei follikulären Carcinomen bei 60 – 90 %. Dagegen ist die Situation bei medullärem Carcinom mit 40 – 60 % etwas ungünstiger. Dabei ist die Prognose von der Größe des Primärtumors und dem Vorhandensein von Fernmetastasen bestimmt.

Behandlung

Die Behandlung von Schilddrüsenkrebs besteht in der totalen Entfernung der Schilddrüse und der angrenzenden Lymphknoten, eingeschränkte operative Verfahren mit Entfernung nur eines der beiden Schilddrüsenlappen kommt lediglich beim papillären Mikrocarcinom (< 1 cm, pT1) in Frage. Bei medullärem Schilddrüsenkrebs ist grundsätzlich die komplette Entfernung der Schilddrüse und die Entfernung der gesamten lokoregionären Lymphknoten angezeigt. In diesem Fall sollte bei einem postoperativ erhöhten Calcitoninspiegel eine möglichst komplette Nachoperation erfolgen.

Da häufig nach der Operation Schilddrüsenreste verbleiben können, wird routinemäßig vier Wochen nach Operation eine prophylaktische Bestrahlung mit Radiojod vorgenommen. Das radioaktive Jod wird in einer Kapsel geschluckt und reichert sich im verbliebenen Schilddrüsengewebe an. Die Strahlung hat nur eine sehr kurze Reichweite von 1 - 2 mm und zerstört das direkt in der Nähe liegende Schilddrüsengewebe. Eine Gegenanzeige für diese Therapie ist eine bestehende Schwangerschaft. Nach einem Vierteljahr wird geprüft, ob noch jodspeicherndes Schilddrüsengewebe im Körper vorhanden ist. In diesem Fall wird die Radiojod-Therapie wiederholt.

Als Nebenwirkungen der Radiojod-Therapie können Schwellungen der Speicheldrüsen, Geschmacksstörungen sowie Veränderungen der Blutzellen und verstärkte Mundtrockenheit auftreten. Im Anschluss an die Therapie ist die lebenslange Einnahme von Schilddrüsenhormonen erforderlich. Dabei sollte das Steuerungshormon TSH soweit unterdrückt werden, dass Schilddrüsenzellen nicht mehr stimuliert werden. Sollten bei der operativen Entfernung der Schilddrüse auch die Nebenschilddrüsen mit entfernt worden sein, kann es durch Calciummangel zu Muskelkrämpfen kommen. Dann muss unter Kontrolle des Serumspiegels Calcium und Vitamin D gegeben werden.

Rehabilitation

Bei Schilddrüsenkrebs können durch die Erkrankung und die nachfolgende Behandlung wie Operation und Strahlentherapie erhebliche Beeinträchtigungen und Funktionsstörungen auftreten, die eine qualifizierte Rehabilitation notwendig machen.

Eine Lähmung des Stimmnerves (Recurrensparese) erfordert intensive logopädische Behandlung. Nach Radiojod-Therapie ist oft die allgemeine Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt, häufiger wird auch über kognitive Störungen geklagt. Viele Patienten haben einen hohen Bedarf an Information und Beratung über Erkrankung, Behandlung und Nachsorge. Bei Patienten mit medullärem Schilddrüsencarcinom

ist eine genetische Beratung und Aufklärung über entsprechende Screeninguntersuchungen notwendig.

Das Therapieprogramm wird im therapeutischen Team entsprechend dem Aufnahmebefund, den Funktionsuntersuchungen und den Bedürfnissen der Patienten abgestimmt. Es beinhaltet u. a.:

  • Beratung und Überprüfung der laufenden medikamentösen Therapie
  • Informationsvermittlung in Vorträgen, Gesprächsgruppen und Seminaren
  • Krankengymnastik in der Gruppe, ggf. Einzel-Krankengymnastik
  • Atemtherapie
  • Manuelle Lymphdrainage bei postoperativem Lymphödem
  • Gruppengymnastik zur Förderung der allgemeinen Beweglichkeit, Körperwahrnehmung, Körperkontrolle und Haltungsschulung
  • Allgemeines Ausdauertraining
  • Logopädische Einzelbehandlung bei Bedarf
  • Entspannungstraining
  • Psychotherapeutische Einzel- und Gruppengespräche
  • Hirnleistungstraining, kreative Therapieformen: Kunst- und Gestaltungstherapie, Musiktherapie, Tanztherapie
  • Ernährungsberatung
  • Sozialberatung und Beratung zur beruflichen Reintegration

Alle diese Therapiemaßnahmen im Rahmen der stationären Rehabilitation, wie Sie in der Sonnenberg-Klinik in Bad Sooden-Allendorf durchgeführt werden, haben zum Ziel, nach der Schilddrüsenkrebserkrankung einen möglichst optimalen Zustand der funktionalen Gesundheit wieder zu erlangen und auf das Alltagsleben in Familie und Beruf vorzubereiten.

Verfasser: Chefarzt PD Dr. med. Johannes Zahner