Was ist Stress?

Stress ist eine genetisch festgelegte Aktivierungsreaktion des gesamten Organismus, es ist eine physiologische Reaktion um angesichts von Bedrohung, Energie für Kampf oder Flucht bereitzustellen. Diese Reaktion des Organismus soll es ermöglichen, sich schnell auf wechselnde Lebensumstände einzustellen. Eine mittlere Aktivierung wird meist als angenehme Anspannung erlebt und ist die Voraussetzung für optimale Leistungen, d.h. in dieser Dosierung wirkt Stress positiv (Eu-Stress). Darüber hinausgehende Aktivierung sowie lang anhaltende (chronische) Aktivierung führen dagegen zu Überforderung des Individuums, eines sozialen Systems oder eines organischen Systems. Die Anzeichen dafür werden gewöhnlich als "Stress" (Disstress) bezeichnet.

Stress erleben

Was jeder einzelne als Stress erlebt, ist sehr unterschiedlich: Was den einen Menschen belastet, wird vom anderen möglicherweise als anregend empfunden. Es sind also nicht die von außen kommenden Reize (genannt "Stressoren"), die den Stress ausmachen, sondern die Reaktionen des einzelnen, wenn er mit Anforderungen oder Bedrohungen konfrontiert wird. Die Stärke der Reaktion wiederum hängt wesentlich davon ab, welche Bedeutung die jeweilige Situation für den betroffenen Menschen hat, wie er die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten (Strategien) einschätzt und auch einsetzt und wie sich die betroffene Person an den Gegebenheiten anpasst. Der Anpassungsprozess hängt von den zur Verfügung stehenden Hilfsquellen ab, beispielsweise in Form von Verständnis und Unterstützung durch Angehörige und Freunde. Kaluza hat dies wie folgt formuliert:

„Weniger das Auftreten eines kritischen Ereignisses an sich, als vielmehr die Wahrnehmung, Bewertung und Verarbeitung ist ausschlaggebend dafür, ob es in der Folge zu gesundheitlichen Störungen kommt.“ (Kaluza, 1996)

Gibt es Zusammenhänge zwischen Stress und einer Krebserkrankung?

Stress wird häufig als Ursache für die verschiedensten Krankheiten angesehen. Veränderungen im vegetativen Nervensystem und im hormonellen Gleichgewicht, die während der Aktivierungsreaktion ablaufen, können bei hoher Intensität und langer Dauer (chronischer Stress) durchaus körperliche Schäden anrichten, vor allem an den jeweiligen Schwachstellen. Nachgewiesen ist dies beispielsweise für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Auch ist dies im täglichen Leben merkbar. Bei lang anhaltender höherer Belastung (Mehrarbeit, Hausbau etc.) ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass nach der Ruhephase eine Erkältung auftritt.

Diese vorher beschriebenen Zusammenhänge legen den Schluss nahe, dass Stress auch eine Krebs erkrankung hervorrufen kann. Aber die neueren Studien zeigen, dass die Bindeglieder zwischen Stress und Krebs inzidenz (Vorkommen) bzw. –progression (Fortschreiten) noch nicht eindeutig identifiziert werden konnten, obwohl die Evidenz für die Stützung der Annahme, dass Disstress ein Faktor dafür sein kann, eine Krebs erkrankung zu bekommen, zunimmt (Tschuschke, 2002, Spiegel & Kato, 2000). Es gibt demnach noch keinen statistischen Zusammenhang zwischen Stress und Krebs.

Es gibt allerdings eine Möglichkeit, wie Stress indirekt zur Entstehung einer Krebs erkrankung beitragen kann. In Belastungssituationen verhalten sich viele Menschen gesundheitsschädigend. Sie rauchen mehr, ernähren sich ungesund, trinken mehr Alkohol, nehmen Aufputschmittel und schlafen weniger. Dieser Lebensstil hat zur Folge, dass man sich den bekannten Risikofaktoren aussetzt und somit eine Krebs erkrankung bekommen kann.

Umgang mit dem Stress

Dennoch haben viele Patienten das Gefühl, dass Alltags stress (über längere Zeit) eine Ursache für die Krebs erkrankung ist. In einer Patientenzeitschrift wurde eine wissenschaftliche Untersuchung einer renommierten Klinik dargestellt, in der nach der Einschätzung der Krebsursache gefragt wurde. Es konnte eine Skala angekreuzt werden von 1 (gar nicht) bis 5 (sehr stark). Der Alltags- stress wurde am höchsten mit durchschnittlich 3,25 bewertet (Schröck, 2003).

Statistik hilft bekanntlich nicht bei Krankheitsbewältigung, bei der Angst und Unsicherheit im Mittelpunkt stehen. Daher ist es wichtig, dass man den Patienten in seiner Meinung ernst nimmt. Dies ist eine Grundvoraussetzung für die Hilfestellung bei der Krankheitsbewältigung. Stress hat einen großen Einfluss auf die allgemeine Befindlichkeit und diese Befindlichkeit kann wiederum einem Menschen die Kraft geben, Strategien und Möglichkeiten zu entwickeln, um die Krebserkrankung anzugehen. In der Sonnenberg-Klinik, Abteilung für Psychoonkologie, wird der Schwerpunkt auf das „Hier-und-Jetzt“ gelegt. Es wird versucht mit den Patienten einen Weg in die Zukunft zu entwickeln, der es ihnen ermöglicht, eine gute mentale Perspektive zu erreichen und somit einen positiven Grundstock für eine befriedigende Lebensqualität aufzubauen.

Verfasser: Drs. Sicco Henk van der Mei - Leiter der Abteilung für Psychoonkologie

Literatur:

Kaluza, G. (1996) Gelassen und sicher im Stress. Berlin: Springer
Schröck (2003) Krebsursachen aus der Sicht der Betroffenen- und derenKonsequenzen... Kontakte, 1, 16-17.
Spiegel, D., Kato, P.M. (2000) Psychosoziale Einflüsse auf Inzidenz und Progression
von Krebs. In: Psycholoonkologische Interventionen. Therapeutisches Vorgehen und Ergebnisse.
Larbig, W., Tschuschke, V. (Hrsg) München: Reinhardt; 111-50.
Tschuschke (2002) Psychoonkologie. Stuttgart: Schattauer.