WERNER WICKER KLINIK

Querschnittlähmung

Häufig gestellte Fragen zum Behandlungsschwerpunkt des Zentrums für Rückenmarksverletzte.

Was bedeutet Querschnittlähmung?

Eine Querschnittlähmung ist ein durch Schädigung des Rückenmarkquerschnitts hervorgerufenes Lähmungsbild mit Ausfall motorischer, sensibler und vegetativer Funktionen des Körpers.

Tetraplegie und Paraplegie

Lähmungen des Rückenmarks im Bereich der Halswirbelsäule bezeichnen wir als Tetraplegie. Das bedeutet alle vier Gliedmaßen sind betroffen. Alle anderen Lähmungen mit Beteiligung der unteren Extremitäten (Beine) bezeichnen wir als Paraplegie.

Je nach Ausmaß der motorischen und sensiblen Ausfälle spricht man von kompletter oder inkompletter Lähmung.

Bei einer kompletten Querschnittlähmung handelt es sich um eine völlige Unterbrechung der Leitfähigkeit des Rückenmarks. Folgende Ursachen sind möglich:

  • anatomisch vollständige Durchtrennung
  • Quetschung bei Wirbelsäulenverletzungen
  • Tumore
  • Infektionen
  • Durchblutungsstörungen

Komplette Lähmungen sind im frischen Stadium durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

  • völliger Ausfall aller Gefühlsqualitäten (Oberflächen-, Schmerz-, Temperatur- und Tiefensensibilität) unterhalb der Läsionshöhe
  • vollständiger Ausfall willkürlicher Muskelaktivitäten unterhalb der Läsionshöhe
  • völliger Ausfall von Fremd- und Eigenreflexen unterhalb der Läsionshöhe
  • völliger Ausfall der Eigenkontrolle über Blasen- und Mastdarmfunktion

Hinzu kommen vorübergehende, zum Teil bleibende Funktionsschädigungen vegetativer Bahnen. Das können z.B. Beeinträchtigung der Kreislauf-, Atem-, und Wärmeregulation sein.

Parese

Unter Parese verstehen wir ein motorisch inkomplettes Lähmungsbild. Man unterscheidet weiterhin zwischen schlaffer und spastischer Lähmung.

Spinaler Schock

Der spinale Schock ist ein spezieller Zustand bei akuten Rückenmarkschädigungen. Es kommt unterhalb des verletzten Rückenmarksabschnitts zu einem schwerwiegenden Ausfall motorischer, sensibler und vor allem vegetativer Funktionen mit

  • schlaffer Lähmung der Muskulatur
  • Fehlen von Fremd- und Eigenreflexen
  • Fehlen der Gefäßkontrolle und Wärmeregulation
  • Blutdruckabfall (durch verlangsamten Puls und fehlende Muskelpumpe)
  • Darmträgheit
  • eingeschränkter Ausscheidung harnpflichtiger Substanzen
  • schlaffen Lähmung der Harnblase

Zusätzlich können innersekretorische Störungen mit Elektrolytverschiebungen und Hyperglykämie (Überzuckerung) auftreten.

Nach Abklingen des spinalen Schocks kann über den Eigenapparat des Rückenmarks eine reflektorische Regulation bestimmter Funktionen wieder zustande kommen. So sind nach einigen Tagen oder Wochen Eigen- oder Fremdreflexe möglich und auch eine Spastik (vom Patienten nicht willkürlich beeinflussbare Muskelzuckungen) unterhalb des verletzten Rückenmarkabschnitts.

Voraussetzungen für die Behandlung frisch Querschnittgelähmter

Jede frische Querschnittlähmung ist intensivpflichtig. Die Erstbehandlung bei frisch eingetretener Querschnittlähmung sollte sobald als möglich in einem speziellen Zentrum für Querschnittgelähmte erfolgen.

Ziele einer Erstbehandlung sind:

  • Stabilisation (des aktuellen Gesundheitszustandes sowie eventuelle operative Stabilisierung von Wirbelkörperbrüchen)
  • Mobilisation (des Patienten im Rollstuhl sowie Erhalt der Beweglichkeit der Gelenke)
  • Komplikationsmanagement
  • Hilfe zur Selbsthilfe

Welche Komplikationen können auftreten?

Herz-Kreislaufprobleme

  • Bradycardie (Pulsverlangsamung)
  • chronisch niedriger Blutdruck mit Kreislaufbeschwerden bis hin zum Kollaps
  • Thrombosen

Lungenprobleme

  • Lungenentzündung (Pneumonie)
  • Lungenembolie
  • Lungenkollaps (Atelektase)
  • Zwerchfell-Lähmung mit lebenslanger Beatmungspflichtigkeit beim hochgelähmten Tetraplegiker
  • chronische Atemschwäche durch Lähmung der Atemhilfsmuskulatur

Muskeln/Haut

  • Spastik
  • Dekubitus
  • sogenannte trophische Schäden durch Minderversorgung der Haut bedingt durch dir vegetative Komponente der Lähmung

Knochen/Gelenke

Gelenkeinsteifung (Kontraktur)
Paraosteoarthropathie (POA)
Osteoporose
Knochenbrüche

Sonstige 

  • Schmerz

Was ist ein Dekubitus?

Unter einem Dekubitus (Dekubitalulcus) verstehen wir ein druckbedingtes Auflagerungsgeschwür.

Ursachen und Verlauf

Querschnittgelähmte Patienten sind leider häufig mit dieser Komplikation konfrontiert. Ursachen sind der teilweise oder komplette Verlust sensibler Wahrnehmungen sowie eine Störung der Versorgungssituation der Haut bedingt durch die vegetative Komponente der Lähmung.

Die Schädigung entsteht durch Druck- und Scherkräfte, die zum Beispiel bei der Lagerung im Bett oder bei Sitzdruck im Rollstuhl zustande kommen. Es bedarf daher der mehrfach täglichen Hautkontrolle des Patienten und entsprechender Entlastung bei Auftreten von geröteten Druckstellen.

Ist das schützende Hautniveau erst zerstört, besteht eine offene Wunde, die meist mit bakteriellen Keimen verschmutzt ist. Es kann auch zunächst eine Zerstörung des Unterhautfettgewebes entstehen, die sich dann erst nach einiger Zeit im Eiterschwall nach aussen entleert. Dies kann mit hohem Fieber und erheblich beeinträchtigtem Allgemeinbefinden einhergehen. Kommt es zu einer Blutvergiftung (Sepsis), besteht Lebensgefahr.

Behandlung

Die Behandlung des Dekubitus erfolgt zunächst prinzipiell durch dei konsequente Vermeidung weiterer Druckbelastung. Hierzu bedarf es einer entsprechenden Lagerung des Patienten, evtl. im Spezialbett. Ab einer gewissen Grösse des Dekubitus oder bei Lage an ungünstiger Stelle ist empfiehlt sich zur Behandlung ein operativer Verschluss in Form einer sogenannten plastischen Deckung des Defektes.

Was ist eine heterotope Ossifikation (POA)?

Heterotope gelenknahe Verknöcherungen (POA = Periosteoarthropathien) bilden nicht selten ein zusätzliches Problem bei der Rehabilitation Querschnittgelähmter. Sie manifestieren sich meist im ersten Vierteljahr nach Eintritt der Querschnittlähmung.

Es handelt sich hierbei um gelenknahe Verknöcherungen. Zumeist betroffen sind die Hüftgelenke aber auch an Schulter-, Knie- und Ellenbogengelenken können POAs auftreten. Aufgrund der zunehmenden Einsteifung betroffener Gelenke und der damit verbundenen funktionellen Verschlechterung des Patienten behindert die POA den Ablauf der Rehabilitation.

Ist ein solcher Verlauf erst einmal eingetreten, besteht die Möglichkeit der Behandlung des Patienten oft nur noch in der operativen Entfernung der Verknöcherung. Im Frühstadium kann versucht werden durch Medikamente und/oder eine Bestrahlung das Fortschreiten der POA-Entwicklung einzudämmen.

Ziel des Behandelnden sollte es also sein, die Entwicklung einer POA bereits im Frühstadium zu erkennen, da hier noch konservative Maßnahmen zur Verfügung stehen, das Fortschreiten des Prozesses aufzuhalten.

Symptome

Erste Anzeichen für die Entwicklung einer POA stellen üblicherweise die zunehmende Einschränkung der Gelenkbeweglichkeit dar. Zusätzlich kann eine lokale Schwellung, Rötung und Überwärmung des betroffenen Gelenkes bei einigen Patienten auftreten. Oft besteht daher die fälschliche Annahme eines Gelenkinfektes oder einer Thrombose. Ein weiteres Anzeichen ist häufig eine Zunahme von Spastik.

POA Gefährdungsmerkmale

  • Männlicher Patient zwischen 20 – 40 Jahre alt
  • leidet an einer spastischen, meist kompletten Lähmung
  • eventuell Begleitverletzungen nicht selten polytraumatisiert,
  • vor allem mit Lungenbeteiligung (langzeitbeatmet)