1. Epidemiologie (Verbreitung) der Adipositas

Etwa 30 % der Menschen in den westlichen Industrieländern liegen über dem sogenannten durchschnittlichen Normalgewicht. Von Adipositas spricht man, wenn der BMI (Body-Mass-Index = Gewicht in kg : (Körpergröße in m)2 ) 30 oder höher ist. Dies betrifft etwa 20 % der Bevölkerung. Der Anteil der Frauen gegenüber dem der Männer ist nur unwesentlich erhöht. Die höchste Rate adipöser Menschen finden wir in der Altersgruppe von 45 bis 65 Jahren.

2. Symptome der Adipositas

Bei der Adipositas unterscheiden wir - je nach Fettverteilung - zwei Formen: Die gynoide Form (Birnenform) und die androide Form (Apfelform). Bei der gynoiden Form, die wir häufiger bei Frauen finden, ist das subkutane Fettgewebe überwiegend vermehrt im Oberschenkel- und Gesäßbereich verteilt. Bei der androide Form finden wir vermehrtes Körperfett im Bauchbereich. Hinsichtlich einer Folgeerkrankungen wie Hirnschlag, koronare Herzerkrankung und Diabetes mellitus, die sich aus der Adipositas ergeben, sind Menschen mit apfelförmiger Fettverteilung mehr gefährdet als diejenigen, die das Körperfett mehr im Bereich des Gesäßes und der Oberschenkel angelagert haben.

Weitere mögliche Folgeerkrankungen, die mit der Adipositas in Zusammenhang stehen:

  • Bluthochdruck
  • Gicht
  • Koronare Herzkrankheit
  • Diabetes mellitus
  • Gallensteine
  • Schlaganfälle
  • Hiatushernie
  • Schlafapnoesyndrom.

Die Gefahr von Bandscheibenvorfällen, Schenkelhalsermüdungsbrüchen, vorzeitigem Gelenkverschleiß und häufigen Instabilitäten, zum Beispiel am Kniegelenk, ist bei Menschen mit Adipositas höher als bei normalgewichtigen.

Es finden sich außerdem vermehrte Wundheilungsstörungen, eine erhöhte Rate von Abszessbildungen und Infekten und ein insgesamt erhöhtes intraoperatives Risiko (Risiko während einer Operation).

3. Ätiologie (Ursache) der Adipositas

Die Ursache der Adipositas ist multifaktoriell (hat mehrere Gründe). Biologische, genetische, soziale Faktoren und erlernte Verhaltensweisen spielen dabei eine Rolle. Der Körper scheint die Tendenz zu haben, sich auf einen bestimmten Wert, den so genannten Set-Point einzupendeln. Eine Verschiebung des Set-Point’s scheint außergewöhnlich schwierig.

Da die jüngere Forschung zeigt, dass insbesondere bei der Adipositas erbliche und körperliche Faktoren von erheblicher Relevanz sind, sollte im Rahmen einer Behandlung nicht ausschließlich nach individuellen psychischen Gründen für die Ausbildung der Adipositas gesucht werden.

Laut Frau Prof. Dr. A. Franke finden sich dennoch einige psychosozialen Variablen, die als charakteristische Funktionshintergründe der Ausbildung einer Adipositas gelten:

Bei manchen adipösen Menschen war es schon in der Herkunftsfamilie Tradition, Essen als Belohnung einzusetzen, so dass diese Menschen später im Essen auch die einzige Möglichkeit sehen, sich etwas Gutes zu tun.

Auf ähnliche Weise kann gelernt worden sein, bei Einsamkeit, Langeweile und zur Spannungsabfuhr und bei Frustration jeglicher Art oder zur Beseitigung innerer Leere zu essen.

Bei manchen Menschen, insbesondere bei Frauen, kann die Adipositas die Funktion des emotionalen Schutzes und der Abgrenzung haben, zum Beispiel bei dahinter liegender Angst vor Sexualität oder aber als Folge von sexueller Gewalt in der Vergangenheit.

Bei Männern kann Dicksein mit unter mit Mächtigsein assoziiert werden.

Auch zahlreiche Mythen, Volksweisheiten und irrationale Gedanken über gutes Essen und dicke Menschen können Einfluss haben, wie zum Beispiel:

  • Wer arbeitet muss auch Essen
  • Die Nerven müssen in Fett schwimmen
  • Liebe geht durch den Magen usw.

4. Therapieansatz und langfristige Therapieziele bei der Adipositas

Bei der Behandlung der Adipositas in der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie der Wicker-Klinik Bad Wildungen gehen wir von einem ganzheitlichen Therapieansatz aus. Zunächst muss bei der Adipositas grundsätzlich unterschieden werden, ob die Adipositas eher Folge von sozialen Faktoren ist, oder aber erblich bedingt oder Ausdruck einer körperlichen Funktionsstörung ist. Da die Adipositas, wie die meisten anderen Essstörungen auch, eine multifaktorielle Geschichte hat, ist in der Behandlung auch ein multidimensionaler Ansatz notwendig. Dazu gehören außer der ärztlichen Betreuung und der Psychotherapie regelmäßige Ernährungsberatung und regelmäßiges Bewegungstraining. Alleinige Ernährungsberatungen über Gewichtsabnahme sind nicht ausreichend. Im Rahmen der Psychotherapie werden die psychischen Aspekte, die die Adipositas auslösen oder unterhalten, gemeinsam mit den Patientinnen analysiert.

Aus psychotherapeutischer Sicht ergeben sich für die Behandlung der Adipositas langfristig folgende Therapieziele:

  • Einsicht in die Psychodynamik des Symptoms
  • Verständnis und Akzeptanz des Symptoms als Selbstheilungsversuch
  • Bearbeiten und Lösen der zugrunde liegenden Konflikte/Defizite/Traumata (Autonomie/Abhängigkeit, ich-strukturelle Störungen, Gewalterfahrungen)
  • Sensibilisierung für die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Wünsche, Befähigung zu deren angemessener Umsetzung auch in nahen Beziehungen
  • Freier Zugang zu bislang verschütteten Ressourcen
  • Positiv besetztes Körperselbstbild und weibliche Identifikation

Unmittelbare Therapieziele für den stationären Aufenthalt bei der Adipositas

  • Verhaltenstherapeutische Gruppe, vertieft im Einzelkontakt
  • Vermittlung von Informationen über die Bedingungszusammenhänge und körperlichen Auswirkungen von Essstörungen (auch zur Motivation)
  • Exploration und Förderung vorhandener und im Rahmen des stationären Aufenthaltes zugänglichen Ressourcen (Hobbys, kreative Fähigkeiten, soziale Kompetenzen, problemfreie Lebensbereiche etc.)
  • Ermitteln von auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen des gestörten Essverhaltens(Esstagebuch, Austausch in den Gruppen)
  • Parallel dazu konkrete Verhaltensänderungen unter Einsatz der individuellen Ressourcen
  • Vermeidung weiterer Gewichtszunahme bzw. langsames Abnehmen (ca. 500 g pro Woche).

Gruppentherapie bei der Adipositas, intensiviert in Einzelkontakten

  • Exploration aktueller Konflikte (vor dem Hintergrund der biographischen Anamnese), Klassifikation ambivalenter Emotionen, Einüben sozialer und kommunikativer Kompetenzen
  • Kennenlernen und Ausprobieren alternativer Verhaltensweisen zur Lösung von emotionaler Spannung

Bewegungstherapie bei der Adipositas

  • Schulung der Körperwahrnehmung, vor allem Körpergrenzen
  • Überprüfen des gestörten Körperschemas
  • Ausloten des persönlichen Nahraumes
  • Bewusstes Regulieren von Nähe und Distanz
  • Achtsamer, selbstfürsorglicher Umgang mit dem Körper
  • Erfahrung von Bewegungsfreude
  • Erweitern des Körper- und Bewegungsausdruckes

Im Klinikalltag

  • Erproben selbstfürsorglicher Verhaltensweisen
  • Abgrenzung gegenüber emotionaler Überforderung durch Mitpatientinnen

Ernährungsberatung bei der Adipositas

  • Vermitteln gesunder Ernährungsrichtlinien bezüglich Qualität, Quantität der Nahrung
  • Regelmäßiges Essen kontrollierter Mengen, da wo das Gefühl für Hunger und Sattsein noch verloren ist, sonst Vermitteln des Anti-Diät-Konzeptes
  • Kenntnis der Setpoint-Theorie

Vorbereitung auf die Zeit nach dem stationären Aufenthalt

  • Motivation zur ambulanten Psychotherapie
  • Teilnahme an einer Gruppe für essgestörte Frauen
  • Kenntnis des Rückfall-/Vorfall-Konzeptes
  • Signalfunktion der Symptomatik
  • Fokus auf eigene Ressourcen richten: Neues Hobby, Pflege des unterstützenden sozialen Netzwerkes etc.

5. Behandlungsmethoden der Adipositas

In der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie der Wicker-Klinik bieten wir zur Behandlung der Adipositas folgende Methoden an:

1. 2x wöchentlich 1 Stunde Verhaltenstherapie (d.h. Einsatz kognitiver Methoden, Rollenspiel,

Spielübungen)

Hier werden schwerpunktmäßig drei Themenbereiche bearbeitet:

a) Information und Erklärung über gesundes Essen und Essstörungen (psycho-edukativer Teil

b) Analyse des eigenen Essverhaltens und Förderung alternativer Verhaltensweisen,

Überprüfung der eigenen Einstellung

c) Arbeit am eigenen Körperbildschema

2. 2x wöchentlich 1,5 Stunden psychotherapeutische Bewegungs-/Körpertherapie

Arbeit an der Wahrnehmung des Körpers (Warnsignale, Überforderung, achtsamer Umgang)

Positiv libidinöse Besetzung bzw. Wiederbesetzung des Körpers

Erarbeitung eines realistischen Körperselbstbildes

3. Einzeltherapie

Geschützter Rahmen für gezielte individuelle Bearbeitung der Problematik, Motivation, Krisenintervention

4. Therapeutisches Kochen

5. Ernährungsberatung auf Basis eines Antidiätkonzeptes

6. Informationsveranstaltungen über medizinische Aspekte von Essen, Essstörungen sowie

Diäten

7. Medizinische Betreuung

Mindestens 1x wöchentlich Besprechungen der oberen und unteren Gewichtsgrenze,

Laborwerte besprechen

8. Pflegerische Betreuung

Stützende, strukturierende Kontakte zum Pflegepersonal

9. Regelmäßige gemeinsame Gespräche zwischen der behandelnden Ärztin, der

Psychotherapeutin, der Bewegungstherapeutin und den Pflegekräften

6. Nachsorge für Patientinnen mit Adipositas

Um die Kontinuität der Therapie zu erreichen, sind wir im Rahmen der Nachsorge bemüht, ambulante Therapiemöglichkeiten, sofern notwendig, mit einzuleiten. Wir bieten Informationen über Anlaufmöglichkeiten an, die die Patientinnen und Patienten nach der Entlassung für sich nutzen können.

Für Patientinnen und Patienten, die über die Rentenversicherung zum stationären Heilverfahren kommen, gibt es die Möglichkeiten der intensivierten Rehabilitationsnachsorge (IRENA). Dies ist ein Nachsorgeprogramm, welches der Rentenversicherungsträger in der Nähe des Heimatortes anbietet, um die Therapieziele, die während des stationären Aufenthaltes erarbeitet wurden, im Rahmen der Nachsorge weiter zu festigen.

Wir vertreten in der Klinik im Bereich der Psychosomatik/Psychotherapie einen ganzheitlichen Therapieansatz, der die Balance von Körper, Seele und sozialer Situation jedes Einzelnen berücksichtigt.

Verfasser: Dr. med. Gabriele Fröhlich-Gildhoff