1. Was versteht man eigentlich unter einer Borderline-Störung?

Der Begriff Borderline wurde 1938 von dem Psychiater Adolf Stern geprägt. Gemeint war damit eine Erkrankung mit einer unscharfen, flukturierenden (schwankenden) Grenzlinie zwischen neurotischen und psychotischen Störungen. 1967 prägte Otto Kernberg die Bezeichnung Borderline - Persönlichkeits - Organisation.

Gundersohn und Singer beschrieben 1975 fünf Dimensionen, die die Borderline-Störung auf phänomenologischer Ebene abbilden:

Menschen mit einer Borderline-Störung leiden unter dysphorischen Affekten (alltagsverstimmten Gemütszuständen), neigen zu impulsiven Handlungen, haben Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen mit Anpassungsstörungen im sozialen Bereich und haben teilweise psychoseähnliche Gedanken.

2. Epidemiologie (Verbreitung) der Borderline-Störung:

Die Prävalenz (Vorkommen) der Borderline-Störung in der allgemeinen Bevölkerung kann mit etwa 1,2% angegeben werden. Die Mehrzahl der Betroffenen, nämlich 70%, sind Frauen. Viele PatientInnen werden stationär behandelt. Die stationäre Behandlung dieser Patientengruppe kostete im Jahr 2000 ca. 6 Milliarden DM, damit ca. 15% des Gesamtbudgets für die psychiatrisch / psychotherapeutische Versorgung in der BRD.

Ca. 20% der erwachsenen PatientInnen leben mit einem Partner zusammen. Während der Schulabschluss im Normbereich liegt, gehen nur ca. 20% einer Vollzeitbeschäftigung und 8% einer Teilzeitbeschäftigung nach. Unter den Berufsbezeichnungen finden sich in erster Linie Sozialberufe wie Krankenschwestern, Altenpflegerinnen und Erzieherinnen (Bohus, M., 2002)

3. Auslöser und Ursachen für die Entwicklung einer Borderline-Störung:

Die Wurzeln der Borderline-Störung liegen in den ersten 18 Lebensmonaten der betroffenen Menschen. Wichtige Risikofaktoren zur Entwicklung einer Borderline-Störung sind Früherfahrungen von körperlicher und sexueller Gewalt und extremer Vernachlässigung durch frühe Bezugspersonen. Die frühen Bezugspersonen erwiesen sich in der Regel als wenig sensibel für die Bedürfnisse des betroffenen Kindes, waren im Umgang häufig extrem widersprüchlich und oft nicht in der Lage, dem Kind mit wohlwollender Fürsorge zu begegnen. Die originären kindlichen Lebensbedürfnisse wurden nicht verstanden oder nicht akzeptiert, dem Kind wurde ein zeitliches und personelles Reizchaos zugemutet und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit verhindert. Die kindlichen Grenzen wurden zumeist nicht respektiert, es bestand Diskontinuität im Umgang und Unberechenbarkeit bei der Affektregulierung. Außerdem fehlte es meist an einer zweiten Bezugsperson, die Schutz und Geborgenheit bot und die Wahrnehmung des Kindes bestätigte.

4. Symptome der Borderline-Störung:

Auf klinischer Ebene lässt sich die weit gefächerte Symptomatik von Patientinnen und Patienten mit Borderline - Persönlichkeitsstörungen in fünf Problembereiche gliedern:

  • Problembereich Affektregulation
  • Problembereich Selbstbild
  • Problembereich psychosoziale Integration
  • Problembereich kognitive Funktionsfähigkeit
  • Problembereich Verhaltensebene

Problembereich Affektregulation bei Borderline-Störung:

Menschen mit einer Borderline-Störung haben große Probleme, ihre Affekte (Gemütszustände) zu regulieren. Sie haben eine niedrige Reizschwelle, das heißt, dass sie ausgelöst durch alle möglichen Ursachen mehrmals täglich schnell ein sehr hohes Erregungsniveau erreichen, was sich nur ganz allmählich wieder zurückbildet. Dieses hohe Anspannungsniveau erleben die Betroffenen meist als extrem quälerisch, zumal differenzierte Gefühlswahrnehmungen wie Ärger, Wut und Trauer meist nicht zugeordnet werden können. Viele Menschen mit Borderline-Störung erleben sich von „Emotionen überflutet“, der „Unruhe und Anspannung hilflos ausgeliefert“. Selbstverletzungen, wie zum Beispiel das Ritzen an Armen oder Beinen, werden eingesetzt, um wieder ruhiger zu werden.

Neben diesen hoch emotionalen Phasen erleben PatientInnen mit Borderline-Störung zudem häufig plötzlich einsetzende Episoden der emotionalen „Taubheit“, also vollständig fehlender Gefühlswahrnehmung, ein Zustand, der ebenfalls als äußerst quälend und unangenehm beschrieben wird (Bohus, M., 2002).

Problembereich Selbstbild bei Borderline-Störung:

Die meisten PatientInnen mit Borderline-Störung schildern eine tiefgreifende Verunsicherung bezüglich der eigenen Identität und Integrität (Unverletzlichkeit), rund 70% beschreiben, dass sie kein sicheres Gefühl dafür hätten, „wer sie wirklich sind“. Etwa die Hälfte erlebt sich als abgeschnitten von sich selbst, als weit entfernt von sich selbst oder empfindet es als äußerst unangenehm, sich selbst ausgeliefert zu sein. Viele lehnen ihren eigenen Körper ab und fühlen sich nicht in ihm zu Hause (Bohus, M., 2002).

Problembereich psychosoziale Integration bei Borderline-Störung (Bohus, M., 2002):

Viele Borderline-Patientinnen und –Patienten berichten, dass sie bereits seit der Kindheit und Jungend das Gefühl haben „anders zu sein als alle anderen, isoliert und abgeschnitten, einsam, verlassen und unberührt zwischen allen anderen zu sein“ als grundlegende Lebenswahrnehmung. Im zwischenmenschlichen Bereich dominieren insbesondere Schwierigkeiten mit der Regulation von Nähe und Distanz. Die ausgeprägte Angst, verlassen zu werden und eine schlecht ausgeprägte intrapsychische Repräsentanz (innerpsychische Abbildung) wichtiger Bezugspersonen lässt die PatientInnen mit Borderline-Störung häufig Abwesenheit mit manifester Verlassenheit verwechseln. So versuchen sie einerseits, wichtige Bezugspersonen permanent an sich zu binden, andererseits induziert die Wahrnehmung von Nähe und Geborgenheit ein so hohes Maß an Angst, Schuld und Scham, dass enge Beziehungen meist schnell wieder abgebrochen werden. Daher oszillieren (schwanken) viele Borderline - PatientInnen zwischen häufigen Trennungs- und wieder Annährungsprozessen regelmäßig hin und her (Bohus, M., 2002).

Problembereich kognitive Funktionsfähigkeit bei Borderline-Störung:

Ca. 60% der PatientInnen mit einer Borderline - Persönlichkeitsstörung leiden unter einer ausgeprägten dissoziativen (verzerrten) Symptomatik. Diese Phasen sind geprägt von einem Gefühl des Kontrollverlustes über die Realität, von einer verzerrten Raum-Zeit-Wahrnehmung, sowie einer eingeschränkten Wahrnehmung der eigenen Emotionen. Hinzu kommen häufig Flashbacks, dass heißt szenisches Wiedererleben von traumatisierenden Ereignissen, die zwar kognitiv (von der Wahrnehmung her) der Vergangenheit zugeordnet, emotional jedoch als real erlebt werden.

Bei fast 100 % aller Borderline - PatientInnen finden sich magisches und paranoides Denken sowie übertriebener Argwohn.

Die derzeit publizierten Befunde zur neuropsychologischen Leistungsbeeinträchtigung von Borderline - PatientInnen sind weitgehend irrelevant, weil wichtige Variablen wie Dissoziation und innere Anspannung zum Untersuchungszeitpunkt nicht berücksichtigt werden. Derzeit ist also nicht von einer generellen kognitiven Leistungsminderung von Menschen mit Borderline-Störung auszugehen (Bohus, M., 2002).

Problembereich Verhaltensebene bei Borderline-Störung:

70% bis 80% aller PatientInnen mit Borderline-Störung berichten über selbstschädigende Verhaltensmuster in der Vorgeschichte. Dies sind häufig das Selbstzufügen von Schnittverletzungen, Verbrennen mit Zigaretten oder Bügeleisen, Verbrühungen und Verätzungen oder das Zufügen von Stichwunden. Die meisten PatientInnen verletzen sich selber, um aversive (negative) Spannungszustände oder schwer dissoziative Phänomene zu reduzieren. In diesem Sinne sind auch häufig zu beobachtende Störungen des Essverhaltens wie bulimische Attacken oder anorektisches Verhalten zu verstehen.

Weitere häufige problematische Verhaltensmuster von PatientInnen mit Borderline-Störung sind Drogenmissbrauch, pathologisches Kaufverhalten, Zwangshandlungen oder aggressive Durchbrüche (Bohus, M., 2002).

5. Unser Behandlungsangebot für Patientinnen und Patienten mit Borderline-Störung:

In der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie der Wicker-Klinik Bad Wildungen behandeln wir Patientinnen und Patienten mit Borderline-Störung grundsätzlich unter einem ressourcenorientierten Blickwinkel. Dabei gehen wir davon aus, dass die Verhaltensweisen der Patientinnen und Patienten mit Borderline-Störung Lösungsversuche entsprechend ihrer individuellen Lebensgeschichte sind und dass sie bereit sind, veränderte funktionale und damit gesündere Lösungswege zu suchen. Viele der Patientinnen und Patienten bringen ein außerordentliches Maß an Mut und Kreativität mit, die - wenn es gelingt, dieses Potential in konstruktiver Weise zu nutzen - eine gute Voraussetzung für Veränderungsprozesse darstellen. Das Behandlungskonzept der Borderline-Störung umfasst sowohl Einzel- als auch Gruppentherapie, kombiniert mit Kreativ- und Entspannungsverfahren. Es beinhaltet unter anderem Informationsvermittlung über das Störungsbild, das Einüben von Imaginationstechniken zur Spannungsreduktion, Möglichkeiten der Stressbewältigung, Einüben von verbesserten Fertigkeiten im Umgang mit anderen, Achtsamkeitsübungen und das Aufspüren und Erweitern der eigenen Fähigkeiten.

Außer der psychotherapeutischen Behandlung bieten wir den Patientinnen und Patienten eine weit gefächerte Sozialberatung an, die unter anderem Informationen zum Schwerbehindertengesetz, zum Rentenrecht, zu Problemen am Arbeitsplatz, zu Wiedereingliederungsmöglichkeiten, u.v.m. beinhaltet.

Hinzu kommen, je nach Indikation, balneo-physikalische Maßnahmen wie Krankengymnastik, Bäder, Massagen, Herz-Kreislauf-Training, Rückenschule, etc.

6. Nachsorge für Patientinnen und Patienten mit Borderline-Störung:

Um die Kontinuität der Therapie zu erreichen, sind wir im Rahmen der Nachsorge bemüht, ambulante Therapiemöglichkeiten, sofern notwendig, mit einzuleiten. Wir bieten Informationen über Anlaufmöglichkeiten an, die die Patientinnen und Patienten nach der Entlassung für sich nutzen können.

Für Patientinnen und Patienten, die über die Rentenversicherung zum stationären Heilverfahren kommen, gibt es die Möglichkeiten der intensivierten Rehabilitationsnachsorge (IRENA). Dies ist ein Nachsorgeprogramm, welches der Rentenversicherungsträger in der Nähe des Heimatortes anbietet, um die Therapieziele, die während des stationären Aufenthaltes erarbeitet wurden, im Rahmen der Nachsorge weiter zu festigen.

Wir vertreten in der Klinik im Bereich der Psychosomatik/Psychotherapie einen ganzheitlichen Therapieansatz, der die Balance von Körper, Seele und sozialer Situation jedes Einzelnen berücksichtigt.

Verfasser: Dr. med. Gabriele Fröhlich-Gildhoff