1. Was sind eigentlich Dissoziative Symptome?

Dissoziative Symptome finden sich im psychosomatischen Arbeitsalltag relativ häufig. Die Kennzeichen von dissoziative n Symptome n bestehen teilweise in einer veränderten Wahrnehmung der eigenen Person, des Identitätsbewusstseins, der Wahrnehmung unmittelbarer Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen. Auch können die Sinnesorgane beeinträchtigt sein. So kann es zu plötzlichen Sehstörungen kommen, Einengung des Gesichtsfeldes bis hin zu plötzlich auftretender Erblindungen. Auch die Hörfähigkeit kann beeinflusst sein. So kann es zu Hyper - oder Hypoakusis kommen, also zur Lärmempfindlichkeit oder Schwerhörigkeit, zu Ohrgeräuschen die plötzlich auftreten oder zu dem Gefühl nichts mehr zu hören.

Dissoziative Symptome können sich beinahe wie eine körperliche Erkrankung manifestieren. Das charakteristische von dissoziativen Symptome n ist, dass eingehende Untersuchungen und Befragungen keinen Hinweis auf körperliche Erkrankungen ergeben. Oft treten diese Störungen akut und sehr eindrucksvoll auf und „verschwinden“ ebenso schnell auch wieder. Die auftretenden dissoziative n Symptome sind oft Ausdruck massiver emotionaler Konflikte oder Bedürfnisse und Hinweis auf deutliche seelische Überforderung. Der Begriff der dissoziative n Symptome wird auch im ICD 10 mit dem Begriff der Konversionsstörung assoziiert. Freud bezeichnete die dissoziative n Symptome auch als Ausdruckserkrankung. Der Körper bringt abgewehrte seelische Konflikte zu Ausdruck. Betroffen sind am häufigsten der Bewegungsapparat und die Sinnesorgane.

Eine körperliche und weitere psychiatrische Erkrankung sollte allerdings auf jeden Fall ausgeschlossen werden.

2. Was versteht man unter dissoziativer Amnesie (Gedächtnisstörung)?

In unserem stationären Alltag der Wicker-Klinik Bad Wildungen sind dissoziative Symptome relativ häufig bei Patientinnen nach traumatischem Erleben zu finden. Wir verstehen die Symptome als Hilfs- und Schutzsymptome um die Betreffenden vor seelischer Überforderung zu schützen.

Häufiges Beispiel der dissoziativen Symptome sind die dissoziative Amnesie (Gedächtnisstörung). Diese bezieht sich meist auf traumatische Ereignisse, beispielsweise Unfälle oder unbearbeitete Trauerfälle und bedeutet, dass das vergangene Ereignis oder die Probleme oder traumatischen Erlebnisse einfach nicht mehr erinnerbar sind. Die Erinnerung an das Erlebte steht dem Betroffenen nicht mehr zur Verfügung. Oft dauert es einige Zeit bis Erlebtes wieder erinnerungsfähig wird, manches bleibt auch nicht erinnerbar. Wir verstehen die dissoziative Amnesie als unbewussten Schutz des Menschen, der sich an ein traumatisierendes Ereignis nicht erinnern kann, da es seine derzeit zur Verfügung stehenden Verarbeitungs- und Bewältigungsmechanismen überfordern würde.

3. Was versteht man unter einer dissoziativen Fugue (unbewusstes Verlassen der Umgebung)

Ein weiteres dissoziatives Symptom ist das der dissoziative n Fugue. In nicht pathologischer Form kennen viele Menschen solche Zustände beispielsweise beim Autofahren. Man fährt und findet sich nach einer Zeit an einem bestimmten Ort wieder. Für die Zwischenzeit besteht für die Strecke und die Tätigkeit des Fahrens keine Erinnerung mehr. Dieses ist ein ganz normales Verhalten und tritt häufiger bei Routinetätigkeiten auf.

Bei dem dissoziativen Symptom der Fugue treten solche Zustände häufiger auf und sind nicht kontrollierbar. Menschen finden sich z.B. plötzlich an Orten wieder, an denen sie noch nie waren und wo sie auch nicht hin wollten. Für die Zeit der Reise und die zwischenzeitlichen Geschehnisse besteht keine Erinnerung. Die betroffenen Menschen erleben dies häufig als sehr beschämend und belastend und versuchen es vor ihrem Umfeld zu verbergen, da sie keine Erklärung für ihr Verhalten haben.

4. Was versteht man unter dissoziativen Bewegungsstörungen?

Bei sog. dissoziativen Bewegungsstörungen ist die Beweglichkeit eingeschränkt .Sie kann entweder einzelne Körperglieder oder den gesamten Körper betreffen. Manchmal treten auch Koordinationsstörungen auf und die Fähigkeit ohne Hilfe zu gehen und zu stehen geht verloren. Dies kann so weit gehen, dass manche Menschen zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

5. Was versteht man unter dissoziativen Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen?

Ein weiterer relativ großer Bereich der dissoziativen Symptome, die wir in unserem stationären Alltag häufig sehen, sind dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen. Hier handelt es sich um den Verlust von normalen Hautempfindungen in einzelnen Körperbereichen oder am gesamten Körper. Es gibt Symptome wie Nadelstiche, Kribbeln auf der Haut oder auch Taubheit und ähnliche Symptome.

Wie bereits weiter oben beschrieben gibt es dann auch noch die Störungen der Seh-, Hör- und Riechfähigkeit als möglicherweise dissoziative Symptome. Wichtig ist, auch hier immer eine organische Erkrankung als Ursache auszuschliessen. Viele dissoziative Symptome haben Signalcharakter. So kann z.B. eine Sehstörung als dissoziative s Symptom bedeuten, einen Menschen mit dem Konflikte oder Auseinandersetzungen bestehen „nicht mehr sehen zu können“. Die Sehstörung ist dann der seelische Ausdruck bisher nicht gelöster Konflikte.

So ist ein möglicher Therapieansatz im Umgang mit dissoziativen Symptome n, das Verständnis der belastenden Situation und des seelischen Zusammenhangs mit den PatientInnen zu erarbeiten. Gleichzeitig verstehen wir die dissoziativen Symptome auch als Ressource. Die Seele hilft sich in für sie nicht anders aushaltbaren Situationen in der ihr möglichen Sprache über Körpersymptome oder Veränderung von Wahrnehmung. Wenn die Symptomatik als „Seelensprache“ verstanden wird, ist es für viele PatientInnen möglich, an den Auslösern der Belastungen zu arbeiten und ihre Strategien im Umgang mit der Symptomatik zu verändern.

6. Was ist eine dissoziative Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeit)?

Eine ausgeprägtere dissoziative Symptomatik, die infolge massivster Gewalt entsteht, ist die dissoziative Identitätsstörung, die Aufspaltung in mehrere Personenanteile. Hier führt extreme Gewalt dazu, dass sich eine Person in unterschiedliche Personenanteile aufspaltet um die Gewalt zu überleben. Dies ist eine gesonderte Form der dissoziative n Symptome, die einen spezifischen Therapieansatz benötigen, wie wir sie in unserer Abteilung im Bereich unserer traumatherapeutischen Arbeit anbieten.

7. Was sollte bei der Arbeit mit dissoziativen Symptomen immer beachtet werden?

Bevor die Diagnose einer dissoziativen Störung gestellt wird, sollte eine gründliche körperliche Diagnostik abgeschlossen sein, die eine mögliche organische Ursache für die Symptomatik ausschließt.

Wir verstehen die dissoziative n Symptome als unbewussten Schutz der betroffenen Patientinnen und Patienten vor Erinnerungen, die sie nicht ertragen können oder als Signale von ungelösten Konflikten und schwerwiegenden Belastungen. Aus dieser Sicht stellen die dissoziative n Symptome einen Lösungsversuch der Einzelnen dar, da sie noch keine funktionaleren Lösungsmöglichkeiten zur Verfügung haben.

8. Unsere Therapiemethoden bei dissoziativen Symptomen:

Bei Aufnahme erfolgt zunächst die psychotherapeutische Anamnese und Diagnostik durch eine ärztliche oder psychologische Psychotherapeutin und die körperlich-medizinische Diagnostik durch einen Arzt /eine Ärztin.

Mit allen Patienten und Patientinnen wird ein auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmter Therapieplan erstellt. Das Therapieangebot umfasst regelmäßige Einzel- und Gruppengespräche (ich-strukturell modifizierte Gruppentherapie, mit verhaltenstherapeutischen Elementen), Bewegungs-/Körpertherapie, Mal-, Werktherapie oder Kunsttherapie und verschiedene Entspannungsverfahren (Progressive Muskelrelaxation nach Jakobson, Atemtherapie, EMG-Biofeedback und Atembiofeedback).

Die körperliche Behandlung erfolgt je nach Indikation.

Darüber hinaus stehen die physikalischen Therapiemethoden (Physiotherapie, Heilbäder, Sauna, Hallenbad usw.) im Rahmen der übergreifenden Angebote der Klinik zur Verfügung.

Verfasser: Dr. med. Marion Traub