Psychosomatische Aspekte der Fibromyalgie - als Beispiel einer chronischen Erkrankung

Chronische Erkrankungen sind bei Frauen und Männern etwa gleich häufig. Etwa 29 % der unter 30-jährigen leiden an einer chronischen Erkrankung. Dabei handelt es sich meist um Allergien oder Hauterkrankungen, Frauen sind etwas seltener betroffen als Männer. Bei älteren Menschen (älter als 60 Jahre) sind etwa 70 % chronisch erkrankt. Bei beiden Geschlechtern sind die häufigsten chronischen Erkrankungen Bluthochdruck, gefolgt von Gelenkverschleiß (Arthrose) und Entzündliche Gelenk- oder Wirbelsäulenerkrankungen. 

Die Fibromyalgie hingegen wird vorzugsweise bei Frauen diagnostiziert (etwa 85 bis 90%). Etwa 2 bis 4 % der Bevölkerung sind betroffen, dies bedeutet, dass in Deutschland ca. 1,5 Millionen Frauen unter Fibromyalgie leiden.

Die Fibromyalgie ist ein Syndrom, d. h., wenn bestimmte Beschwerden gemeinsam auftreten, spricht man von Fibromyalgie. Zu den typischen Beschwerden der Fibromyalgie gehören folgende Symptome:

  • Schmerzen in allen Körperbereichen, insbesondere ist der Gelenk- und Bewegungsapparat betroffen
  • Spontane Schmerzen in der Muskulatur, besonders bei Belastung
  • Druckschmerz an Sehnenansätzen (Tenderpoints)
  • Chronische Erschöpfung (Fatigue)
  • Verringerte geistige und körperliche Leistungsfähigkeit
  • Begleitende vegetative Symptome wie z. B. Magen-Darm-Störung, Schlafstörung usw. 

Die Fibromyalgie ist keine rheumatoide Erkrankung. Die Diagnose wird als Ausschlussdiagnose häufig bei Frauen gestellt, die unter chronischen Schmerzen leiden und bei denen sich weder in den Laborwerten noch auf den Röntgenbildern pathologische Befunde ergeben. Aus diesem Grunde haben die betroffenen Frauen bei vielen Ärztinnen und Ärzten immer noch Probleme mit ihrer Schmerzerkrankung ernst genommen zu werden und machen sogar teilweise die leidvolle Erfahrung als Simulantinnen angesehen zu werden. 

Die Ursachen für die syndromale Erkrankung ist bis heute noch nicht eindeutig geklärt. Aus psychosomatischer Sicht weisen viele Forschungsergebnisse, insbesondere aus der ehemaligen Mainzer Forschergruppe um Prof. Dr. U. Egle darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen frühkindlichen Gewalt- und sexuellen Traumatisierungserfahrungen und dem Auftreten von Fibromyalgie im Erwachsenenalter gibt. Durch psychosozialen Stress oder körperliche Gewalt im Erwachsenenalter können frühkindliche Schmerzerinnerungen aus dem so genannten Schmerzgedächtnis reaktualisiert werden und zu chronischen Schmerzerkrankungen führen.

Auch wenn sich aus anderen Gründen bei Kindern Bindungsstörungen entwickelt haben, können diese über eine verminderte Stressresistenz und einer damit einhergehenden Daueranspannung im Erwachsenenalter zu Symptomen einer Fibromyalgie führen. Ähnliches gilt für chronifizierte Angsterkrankungen, da Menschen mit Ängsten auch ein deutlich erhöhtes Spannungsniveau aufweisen, was langfristig zu einer chronifizierten Schmerzstörung führen kann.

Fakt scheint zu sein, dass es sich bei der Fibromyalgie um eine Störung der zentralen Schmerzverarbeitung handelt und, dass in der Peripherie kaum Befunde vorhanden sind. Das Hirn generiert den Schmerz gewissermaßen selbständig aus alten Schmerzerfahrungen.

Außer diesen psychosomatischen Erklärungsmodellen gibt es noch Erklärungsansätze aus anderen medizinischen Fachdisziplinen, wie Innere Medizin, Chirurgie und Humangenetik. 

Bevor im Rahmen einer psychosomatischen Behandlung mit der Therapie begonnen werden kann, sollte immer eine ausführliche Anamnese und Diagnostik vorgeschaltet werden. Insbesondere sollte die Anamnese früher Schmerzerfahrungen durch Gewalt oder auch durch ärztliche Eingriffe erfragt werden. Für die psychotherapeutische Arbeit macht es z. B. einen großen Unterschied aus, ob die Patientinnen die Schmerzentwicklung als Folge von früher Misshandlung im Rahmen einer posttraumatischen Belastungsstörung haben, oder ob eine Angsterkrankung oder eine Somatisierungsstörung oder eine somatoforme Schmerzstörung vorliegt. 

Für die Therapie ist die Information und Psychoedukation der Patientinnen, die an Fibromyalgie erkrankt sind, von besonderer Bedeutung. Neben Ursache/Wirkungszusammenhängen sollten Handlungsideen zur Schmerzlinderung entwickelt werden, die die Patientinnen selbst anwenden können, wodurch sie sich weniger ohnmächtig und der Krankheit ausgeliefert fühlen.

Im Rahmen einer interaktionellen Gesprächstherapie oder kognitiven Verhaltenstherapie sollen unter anderem schädliche Beziehungsmuster erkannt und konstruktiv abgewandelt werden. Die bisherigen Konfliktbewältigungsstrategien können überprüft und ggf. ressourcenorientiert abgeändert werden.

Alle betroffenen Frauen sollten ein Entspannungsverfahren wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jakobson oder Taiji lernen, um besser mit Stress umgehen zu können.

Als besonders hilfreich und schmerzlindernd hat sich außerdem regelmäßiges Ausdauertraining (3x wöchentlich mindestens 30 Minuten) wie z. B. Joggen, Schwimmen, Radfahren oder Tanzen erwiesen.

Da chronische Schmerzen häufig mit Depression einhergehen oder umgekehrt Depressionen zu chronischen Schmerzen führen können, kann außerdem ein Antidepressivum eingesetzt werden, welches jedoch die kognitiven Fähigkeiten möglichst wenig beeinträchtigen sollte (z. B. Serotonin Wiederaufnahmehemmer). 

Die Fibromyalgie ist eine chronische Krankheit, die meist schleichend beginnt und überwiegend Frauen betrifft. Für die Frauen bringt sie viel Leid und oft auch Kränkung mit sich, da die Betroffenen manchmal auch vom medizinischen Fachpersonal nicht ernst genommen und fehlbehandelt werden. Nach genauer Diagnosestellung und einer Behandlung, die gezielte Information, Psychotherapie, Ausdauertraining und ggf. ein Antidepressivum mit einschließt, bestehen für die betroffenen Frauen gute Linderung- und Heilungschancen.

Verfasser: Dr. med. G. Fröhlich-Gildhoff