1. Männergesundheit: Bestandsaufnahme

Männer leben im Durchschnitt in Deutschland gut 6,5 Jahre kürzer als Frauen: So werden Frauen im Durchschnitt 80,0 Jahre alt, Männer hingegen haben eine Lebenserwartung von nur 73,6 Jahren. Obwohl die Lebenserwartung insgesamt ansteigt, bleibt es bei diesem Trend mit der Tendenz, dass die Unterschiede bezüglich der Lebenserwartung, vergleicht man Männer und Frauen, eher noch zunehmen. Die kürzere Lebenserwartung von Männern hat neben genetischen und hormonellen Ursachen folgende Gründe:

  • Höhere Säuglingssterblichkeit des männlichen Säuglings im Vergleich zum weiblichen
  • Höhere Unfall- und Verletzungshäufigkeit
  • Höhere Selbstmordquote
  • Größere Auftretenshäufigkeit lebensstilassoziierter Krankheiten wie Herz-Kreislauf-
  • Erkrankungen, Erkrankungen der Atmungs- und Verdauungsorgane, bösartige Neubildungen

Besonders im Jugend- und frühen Erwachsenenalter, zwischen 15 und 34 Jahren sowie zwischen 55 und 69 Jahren ist das Sterberisiko für Männer in diesen Altersgruppen doppelt so hoch wie das der Frauen.

Die insgesamt risikoreichere Lebensweise der Männer (Alkohol, Rauchen, Unfälle etc.), aber auch das Hinauszögern des Aufsuchen medizinischer Institutionen, die beide mit dem Rollenverständnis des Mannes („Stärke“) in Zusammenhang gebracht werden können, erklären einen Teil der frühzeitigen Todesfälle. Betrachtet man Männergesundheit unter dem Aspekt der Lebenserwartung, so sind Männer gegenüber Frauen deutlich benachteiligt. Betrachtet man Männergesundheit jedoch unter dem Aspekt subjektiver Befindlichkeit, so sind in allen Altersklassen Männer zufriedener mit ihrem Gesundheitszustand als Frauen. Rund 75 % der deutschen Männer bezeichnen ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut, etwa 20 % als mittelmäßig und rund 5 % als schlecht oder sehr schlecht. Verkürzt könnte man das auf den Nenner bringen:

„Männer leben kürzer und zufriedener als Frauen“.

2. Männergesundheit: Theoretische Grundlagen

Aus Studien zur psychosozialen Situation des Mannes weist vieles darauf hin, dass Männer unter dem beständigen gesellschaftlichen und in der Folge verinnerlichten Druck stehen, ihre Männlichkeit immer wieder her und unter Beweis zu stellen und dass sich dies negativ auf Männergesundheit auswirkt. Die Bewältigung der männlichen Rolle erzeugt Stress; das Bemühen, ihr gerecht zu werden, disponiert zu Risikofreudigkeit, die sich bereits im Jugendalter zeigt.

In unserer Gesellschaft haben sich Männlichkeitsriten herausgebildet, die kurz- und langfristig mit erheblichen Gesundheitsrisiken einhergehen. Der Straßenverkehr ist hier ein gutes Beispiel. So wurden im Jahr 1994, statistisch betrachtet, 18,3 Männer in Deutschland gegenüber 6,3 Frauen pro 100.000 Einwohner im Straßenverkehr getötet. Dabei war Alkoholeinfluss bei Männern als Unfallursache 11-mal häufiger als bei Frauen im Spiel. Frauen sind zweifellos die umsichtigeren Autofahrerinnen. Das gezielte Aufsuchen von Situationen, in denen Schmerz und Verletzung riskiert werden und Emotionen unterdrückt werden (Militär, schlagende Verbindungen, gefährliche Sportarten wie Autorennen, Fußball, Boxen ...) dient der Darstellung und Herstellung von Männlichkeit. Risikofreudigkeit, Mutproben und ein rücksichtsloser Umgang mit dem eigenen Körper charakterisieren den „Mann“ spätestens ab dem Erwachsenenalter.

Entsprechend den derzeitigen gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen muss ein Mann stark, hart mit sich und anderen sein, leistungsfähig, erfolgreich, mutig, angstfrei, trickfest, cool, risikofreudig, stresstolerant, jeder Zeit und stundenlang sexuell potent, reich, aktiv, athletisch und gesund sein, um ein „wahrer Mann“ zu sein. Diesem Klischee nicht entsprechen zu können, bedeutet für viele Männer eine erhebliche Verunsicherung ihrer männlichen Identität. Dies trägt mit dazu bei, dass zum Beispiel Wünsche nach emotionaler Wärme und Zärtlichkeit, nach Unterstützung und Austausch von Männern unterdrückt werden – zumal dies eher den Frauen zugeschriebene Eigenschaften sind, die von Männern in unserer geschlechtshirarchen Gesellschaft häufig abgelehnt und entwertet werden, um die eigene männliche Identität nicht zu gefährden.

Auch gesundheitliche Probleme, Schmerzen, Ängste und Sorgen werden aufgrund des männlichen Rollenverständnisses häufig über längere Zeiträume verleugnet oder nicht wahrgenommen, wodurch sich das Risiko, ernsthaft krank zu werden, für den Mann deutlich erhöht, was wiederum die männliche Identität in Frage stellen würde. Ein Problemkreis, den es zu durchbrechen gilt, wenn sich die seelische und körperliche Männergesundheit langfristig verbessern soll.

3. Männergesundheit in der Wicker-Klinik – Behandlungsansatz

1997 wurde in der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie der Wicker-Klinik das erste Konzept für eine Therapiegruppe für Männer erarbeitet und in die Praxis umgesetzt. Seitdem machen wir viele neue und zum Teil erstaunliche Erfahrungen mit unserer „Arbeit zur Männergesundheit“ und erhalten viele Ermutigungen, Anregungen und Verbesserungsvorschläge von unseren Patienten, die in die regelmäßige Neuüberarbeitung unseres Männergesundheitskonzeptes mit einfließen.

In unserem männerspezifischen Behandlungsansatz arbeiten wir an:

  • der Bewusstwertung des seelisch-körperlichen „Panzers“, den das traditionelle männliche Rollenverständnis den Männern aufzwingt
  • der Wahrnehmung und dem Äußern von Gefühlen und Bedürfnissen und dadurch an der Erweiterung der sozialen Kontaktmöglichkeiten
  • der Ermutigung zu Freundschaften mit Männern, mit denen sich persönlich ausgetauscht, gelacht und getrauert werden kann
  • der Wegbewegung von Begegnungen mit Männern, in denen es ausschließlich um Macht und Konkurrenz geht
  • der Hinbewegung zur Begegnung mit Männern, die sich untereinander Schutz und Unterstützung geben können
  • der Freude an vitaler Leiblichkeit von Männern, die den Körpern nicht länger ausschließlich als Leistungs- und Funktionsobjekt betrachten, sondern als Ort des Wohlbefindens und der Sinnlichkeit.

4. Männergesundheit: Zielgruppe

Die geschlechtshomogene Psychotherapiegruppe für Männer bieten wir für folgende Zielgruppen an:

  • Männer zur Verarbeitung von schweren Erkrankungen (zum Beispiel Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall) oder Unfallfolgen
  • Be- und Verarbeitung von sexuellen Funktionsstörungen (erektile Dysfunktion)
  • Be- und Verarbeitung von Partnerkonflikten und Trennungssituationen.
  • Männer, die im beruflichen Umfeld mit Gewalt konfrontiert sind, zum Beispiel Angehörige der Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Strafvollzug.
  • Männer in Krisensituationen bedingt durch zum Beispiel Angst vor dem Älterwerden, Leistungsabfall, Eintritt in den Ruhestand, Veränderungen am Arbeitsplatz.
  • Männer, die in ihrer sexuellen Identität verunsichert und verstört sind.
  • Männer mit posttraumatischen Belastungsstörungen nach aktuell erlittener Gewalt (zum Beispiel Überfall, Geiselnahme, Katastrophen) oder nach sexueller Traumatisierung in der Kindheit werden in einer eigenen geschlechtshomogenen Behandlungsgruppe für traumatisierte Männer betreut.

5. Männergesundheit: Indikationen

Psychosomatische Erkrankungen:

  • Sexuelle Funktionsstörungen (erektile Dysfunktion)
  • Herzneurose
  • Magen-Darm-Erkrankungen
  • Migräne

Somato-psychische Erkrankungen:

  • Multiple Sklerose
  • Diabetes mellitus
  • Schlaganfall

Psychische Erkrankungen:

  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Neurotische Depression
  • Ängste
  • Störungen und Einschränkungen der sozialen Kompetenz

6. Männergesundheit: Behandlungssetting / Behandlungsmöglichkeiten

Durch das institutionelle Setting wird angestrebt, Strukturen zu gewährleisten, die insbesondere Patienten mit Erfahrungen von Gewalt und Grenzverletzungen in der stationären Therapie benötigen. Gleichzeitig soll die Struktur und Vielfalt der Klinik als Basis zur Realitätsprüfung und Stärkung der Abgrenzungsfähigkeit dienen. Die Kommunikation zwischen den Männern wird durch das Setting gefördert, um so Wertschätzung von Mann sein und männlicher Erfahrung zu vermitteln, als ein Baustein zur Entwicklung emotionaler Fähigkeiten einer positiven männlichen Identität statt klischeehafter Geschlechtsrollen- stereotypien.

Autonomie, Entscheidungsfähigkeit, Selbstverantwortung und kompetenter Umgang mit dem Medizinsystem werden unterstützt.

7. Männergesundheit: Behandlungsmethoden

Die Psychotherapie erfolgt in einer analytisch orientierten bzw. interaktionellen, geschlechts-homogenen Männergruppe. Der männliche Psychotherapeut bietet zudem regelmäßig die Möglichkeit für Einzelgespräche an. Außer der Gesprächspsychotherapie nehmen die Männer 2x wöchentlich an der durch einen männlichen Therapeuten geleiteten Bewegungstherapie teil. Wahlweise gibt es außerdem die Möglichkeit an der Werk- oder Kunsttherapie teilzunehmen. Hinzu kommt ein Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelrelaxation nach Jakobson, Atemtherapie oder Autogenes Training und balneo-physikalische Anwendungen wie Rückenschule, Bewegungsbad, Männersauna und Funktionsgymnastik.

Da falsche Ernährung eine wichtige Ursache für die männertypischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Darmkrebs und Arteriosklerose ist, bieten wir Männern die Möglichkeit einer ausführlichen Ernährungsberatung an, als einen wichtigen Baustein zur Verbesserung ihrer Gesundheitssituation.

In Ergänzung der Therapie können mit Hilfe der Sozialberatung Arbeitsmotivation und finanzielle Selbstverantwortung der Patienten diskutiert und praktische Wegen zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung geplant werden.

8. Männergesundheit: Therapieziele

Das übergeordnete Ziel der Therapie ist die Wiedererlangung und Etablierung, aber auch Reflektion der gewohnten Funktionsfähigkeit sowie die Entfaltung von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung des Patienten.

Wegen der zeitlichen Begrenzung der Aufenthaltsdauer wird die Regression im stationären Setting begrenzt und der Schwerpunkt in der Arbeit liegt auf der Entfaltung progressiver Momente und Kompetenzen. Es sollen vielseitige Lösungskompetenzen vermittelt werden sowie eine Sensibilisierung für die eigene Kraft zur Stärkung des Selbstwertgefühls entwickelt werden.

Besonders schambesetzte Themen wie sexuelle Funktionsstörungen, Erkrankungen des männlichen Genitals oder sexuelle Traumatisierungen können im Rahmen einer geschützten Männergruppe mit größerer Offenheit besprochen werden. Die durch die Erkrankung oder Traumatisierung entstandene Isolation kann im Rahmen der Therapiegruppe überwunden werden, das Verständnis der eigenen Symptome als kreative Überlebensstrategie kann erarbeitet werden. Im Rahmen des Erfahrungsaustausches können Zugang zu Gefühlen wie Verunsicherung von ihrem Selbstbild als Mann, Minderung des Selbstwertgefühls und schamhaftes Verbergen des Verlustes der körperlichen Integrität bearbeitet werden.

Eine kritische Reflektion des klischeehaften Männerbildes, die Reduzierung des Risikoverhaltens in der Zukunft können weitere Therapieziele auf dem Weg zur Männergesundheit sein.

Verfasser: Dr. med. Gabriele Fröhlich-Gildhoff