1. Was ist Soziale Kompetenz?

Unter sozialer Kompetenz versteht man alle Verhaltensfertigkeiten die nötig sind zur erfolgreichen Bewältigung des zwischenmenschlichen Lebensalltags. Hierfür ist es notwendig, für beide Seiten akzeptable Kompromisse zu finden zwischen sozialer Anpassung einerseits und individuellen Bedürfnissen andererseits. Der Begriff „ soziale Kompetenz “ beschreibt Eigenschaften und Verhaltensweisen, die man früher vor allem mit den Begriffen Selbstsicherheit, Durchsetzungsfähigkeit und Kontaktfähigkeit bezeichnete.

Elaine Gambrill zählt folgende Verhaltensweisen als Beispiele für soziale Kompetenz auf:

  • Nein sagen
  • Auf Kritik reagieren.
  • Änderungen bei störendem Verhalten verlangen.
  • Widerspruch äußern.
  • Unterbrechungen im Gespräch unterbinden.
  • Sich entschuldigen.
  • Schwächen eingestehen.
  • Unerwünschte Kontakte beenden.
  • Komplimente akzeptieren.
  • Auf Kontaktangebote reagieren.
  • Gespräche beginnen, aufrechterhalten und beenden.
  • Erwünschte Kontakte arrangieren.
  • Um Gefallen bitten.
  • Gefühle offen zeigen.
  • Komplimente machen.

Man kann kompetentes Verhalten, unsicheres Verhalten und aggressives Verhalten unterscheiden. Ein Mensch verfügt dann über soziale Kompetenz, wenn es ihm möglich ist, sich in der großen Mehrheit sozialer Situationen sozial kompetent, sprich angemessen, zu verhalten.

2. Wann ist es sinnvoll, an der Verbesserung sozialer Kompetenz zu arbeiten?

Soziale Kompetenz probleme stellen kein einheitliches Krankheitsbild dar. Sie können bei vielen verschiedenen Krankheitsbildern auftreten. Symptome können sein: Unsicherheiten, Verhaltensdefizite, soziale Ängste, Schwierigkeiten in der Konfliktbewältigung und der Abgrenzungsfähigkeit. Auch Menschen, bei denen man keine Krankheit oder psychische Störung diagnostizieren würde, können häufig vom soziale n Kompetenz training bzw. der Verbesserung ihrer soziale n Kompetenz profitieren.

Bei den meisten psychogenen Krankheitsbildern hat sich in deren Behandlung der Einsatz eines soziale n Kompetenz trainings bewährt. Einige seien stellvertretend hier genannt:

Angststörungen, d.h. neben der sozialen Phobie die phobischen Störungen, die Panikstörung, die Agoraphobie, die generalisierte Angststörung sowie die sonstigen Angsterkrankungen, ggf. die Zwangsstörungen, der gesamte Bereich der somatoformen Störungen, die Essstörungen, die Erschöpfungssyndrome. Weiterhin ist das soziale Kompetenz training hilfreich bei Konflikten am Arbeitsplatz und bei Mobbing-Situationen, bei depressiven Erkrankungen sowie im Bereich der Persönlichkeitsstörungen.

Ulrich Pfingsten nennt drei Indikationen, die für das Training sozialer Kompetenzen sprechen:

Soziale Kompetenzprobleme als alleiniger oder zentraler Bestandteil der Symptomatik. Beispiele sind soziale Phobie, ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung.

Soziale Kompetenzprobleme stellen eine wesentliche (Mit-)Ursache der Haupterkrankung dar z.B. bei Depressionen oder psychosomatischen Störungen.

Eine Förderung der sozialen Kompetenzen erhöht die Chancen der PatientIn für eine erfolgreiche Behandlung der Haupterkrankung. Dieser Aspekt kann bei fast allen psychischen/psychiatrischen Erkrankungen eine Rolle spielen. Als Beispiele nennt er schizophrene Störungen, Substanzmissbrauch oder geistige Behinderung.

Pfingsten weist auf die Möglichkeit hin, soziale s Kompetenz training auch mit Angehörigen durchzuführen, um den Krankheitsverlauf der Patienten günstig zu beeinflussen.

3. Was ist soziales Kompetenztraining?

Ziel des sozialen Kompetenztrainings ist eine Verbesserung für die soziale Kompetenz. Ein solches Training kann sowohl in Gruppen als auch in der Arbeit mit einzelnen PatientInnen eingesetzt werden. Anhand eines Erklärungsmodells wird der Zusammenhang zwischen Kognitionen (Gedanken), Gefühlen und Verhaltensweisen verdeutlicht. Unterschiede zwischen selbstunsicheren und selbstsicheren Verhaltensweisen lassen sich hier gut herausarbeiten.

Eine selbstunsichere Herangehensweise könnte am Beispiel „Reklamation einer Hose mit Fleck“ folgendermaßen aussehen.

Gedanke: Das ist ja eh zwecklos, da habe ich keine Chance. Ich kann mich ja doch nie durchsetzen.

Gefühl: Hilflos, resigniert, unsicher.

Verhalten: Unsicheres zaghaftes Nachfragen ob es denn vielleicht möglich wäre die Hose umzutauschen.

Ev. wird gar nicht erst der Versuch einer Reklamation unternommen und gleich aufgegeben.

Eine selbstsichere/ sozial kompetentere Herangehensweise könnte am Beispiel „Reklamation einer Hose mit Fleck“ folgendermaßen aussehen:

Gedanke: Die Hose ist fehlerhaft, ich werde sie umtauschen. Es ist mein gutes Recht, für mein Geld ein fehlerfreies Stück zu bekommen.

Gefühl: Entschlossen, entschieden, zuversichtlich.

Verhalten: Klare Bitte die Hose umzutauschen.

In Folgeschritten geht es darum, unsicheres, kompetentes und aggressives Verhalten zu identifizieren und zu unterscheiden. Entscheidende Merkmale sind hierbei z.B. die Stimme (ungünstig :leise/zaghaft ,schreien/ aggressiver Tonfall - oder günstig :klar und deutlich), die Art der Formulierung (Ungünstig :unklar/vage, mit unnötigen Erklärungen und Entschuldigungen, Gebrauch von „man“, drohend, beleidigend, mit Unterstellungen, Gebrauch von „Sie/Du“ – oder günstig :eindeutig, klare Begründung, Gebrauch von „ich“) sowie Gestik und Mimik (Ungünstig :verkrampft, schlaffe Haltung, ohne Blickkontakt ,unkontrolliert, zudringlich, Anstarren –oder günstig :entspannte Körperhaltung, lebhaft, mit Blickkontakt).

Pfingsten und Hinsch unterscheiden drei Typen von sozialen Situationen. Die drei unterschiedlichen Situationstypen sind:

  1. Recht durchsetzen.
  2. Beziehungen pflegen.
  3. Um Sympathie werben.

Ein typisches Beispiel für die Situation „Recht durchsetzen“ könnte eine Begegnung im Zug sein, wenn der per Platzkarte reservierte Sitzplatz von einem anderen, nicht dazu berechtigten Menschen besetzt ist. Hier ist klar, wer in diesem Fall im Recht ist.

Ein Beispiel für den zweiten Situationstyp (Verhalten in Beziehungen) könnte sein, wenn ein Partner den anderen darum bittet, seine Dinge gleich aufzuräumen, statt sie unaufgeräumt in der Wohnung herumliegen zu lassen.

Ein Beispiel für den dritten Typ sozialer Situationen (um Sympathie werben) könnte sein, wenn das Auto kurz von einer Person im Halteverbot abgestellt wurde, um einen Liter Milch zu holen. Beim Verlassen des Geschäftes trifft die Person die Politesse an, die sie dann bittet, den zuvor geschriebenen Strafzettel zurückzunehmen, da das Auto nur ganz kurz abgestellt war.

Je nach Situationstyp sind unterschiedliche Fertigkeiten (soziale Kompetenz) erforderlich, um das Gewünschte zu erreichen. In Abhängigkeit von der eigenen Persönlichkeitsstruktur sowie der Übung und Erfahrung mit einzelnen Situationstypen ist es möglich, dass einzelne Situationstypen unproblematisch zu bewältigen sind, während Situationen der anderen Typen schwerer fallen und hier verstärkt Übungsbedarf besteht.

Beim Training der soziale n Kompetenz en werden meist Instruktionen und modellhaftes Verhalten quasi „Vorbildverhalten“ für selbstsichere Verhaltensweisen in unterschiedlichen Situationen angeboten. Zum Einsatz kommt das Rollenspiel, ggf. mit Video-Feedback, auf jeden Fall aber mit Rückmeldung durch den Therapeuten/Trainer und, soweit es in der Gruppe stattfindet, durch die Gruppenmitglieder. Dies stellt ein zentrales Element beim Erlernen und Einüben neuer kompetenterer Verhaltensweisen dar. Der begleitende Einsatz von Hausaufgaben sowie von Entspannungsverfahren hat sich ebenfalls bewährt. Je nach Krankheitsbild bzw. Problemlage lässt sich ein individueller Trainingsplan erstellen. Das soziale Kompetenz training kann als gezieltes Gruppentraining zur soziale n Kompetenz eingesetzt werden, es ist aber auch möglich, Elemente daraus in die Einzeltherapie, in die Gruppentherapie oder in die Körpertherapie einzubauen und so gezielt individuelle Themen und Probleme zu bearbeiten.

In der Abteilung Psychosomatik / Psychotherapie der Wicker-Klinik Bad Wildungen kommt soziale s Kompetenz training, je nach Bedarf, in der Einzeltherapie, in der Gruppentherapie und auch in der Bewegungstherapie zum Einsatz. Hinzu kommen Übungsaufgaben, die die PatientInnen in ihrer Freizeit ausprobieren können. Das Ergebnis kann anschließend mit den TherapeutInnen bzw. den Gruppenmitgliedern besprochen werden.

Das therapeutische Angebot der Wicker-Klinik im Bereich der Psychosomatik / Psychotherapie ist nach einem ganzheitlichen Ansatz ausgerichtet, der die Balance von Körper, Seele und sozialer Situation jeder Einzelnen berücksichtigt. Die Gruppentherapie erfolgt in Indikationsgruppen, teilweise geschlechtshomogen, die den Behandlungsfokus der PatientInnen berücksichtigen. Indikationsgruppen werden für folgende Themen angeboten:

  • Frauengruppen: Z. n. sexueller Gewalt in der frühen Kindheit und Jugend, Traumatherapie
  • Gynäkologische Psychosomatik
  • Allgemeine Psychosomatik
  • Essstörungen
  • Gemischte G.: Z.n. aktueller Gewalt (Banküberfall, Geißelnahme,...) Traumatherapie
  • Arbeits- und Berufsprobleme (Mobbing, Arbeitsplatzverlust,)
  • Angst- und chronische Schmerzsymptome
  • Allgemeine Psychosomatik
  • Männergruppen: Fakultatives Angebot für männertypische Erkrankungen (Potenzstörungen, Unfruchtbarkeit) und Themen, Traumaerfahrungen

Außer den Einzel- und Gruppengesprächen werden als Kreativverfahren Bewegungstherapie, sowie Mal-, Kunst-, Werk- und Musiktherapie angeboten. Hinzu kommen noch Entspannungsverfahren und die rehatypischen balneophysikalischen Anwendungen.

Verfasser: Dagmar Rohrer, Leitende Diplom Psychologin