Definition der Krankheit: Rentenneurose

Die Rentenneurose ist eine spezifische Form im Langzeitverlauf einer komplexen mittelschweren bis schweren psychischen Störung, wozu bestimmte genetisch-dynamische bzw. aktuell-psycho-sozio-ökonomische Konstellationen prädisponieren.

Körperliche Symptome, die ursprünglich durch eine gesicherte körperliche Störung, Erkrankung oder Behinderung verursacht sind, werden wegen des psychischen Zustandes der betroffenen Personen bei einer Rentenneurose übertrieben dargestellt oder halten länger an. Die betroffene Person ist meist durch körperlich verursachte Schmerzen oder die Behinderung beeinträchtigt. Sie wird beherrscht von mitunter berechtigten Sorgen über länger dauernde oder zunehmende Behinderung oder Schmerzen. Die, an Rentenneurose leidenden Betroffenen, sind häufig unzufrieden mit dem Ergebnis der Untersuchungen oder der Behandlungen, bzw. sie sind enttäuscht über mangelnde persönliche Zuwendung auf den Stationen oder in den Ambulanzen. Daraus ergeben sich ebenfalls motivierende Faktoren für die Störung. Häufig erscheint es so, dass die an Rentenneurose Leidenden eine finanzielle Entschädigung nach Unfällen oder Verletzungen erwarten. Die Erfahrung zeigt aber, dass selbst nach erfolgreich beendetem Rechtsstreit das Krankheitssyndrom nicht notwendigerweise in kurzer Zeit verschwindet.

Renten-, Begehrungs- oder Entschädigungs-Neurosen sind seelische Einstellungen und Fehlentwicklungen z. B. nach Unfällen oder anderen entschädigungspflichtigen Ereignissen, die in erster Linie mit der Tatsache des Versichertseins verknüpft sind. Streng genommen handelt es sich nicht um eine Neurose, sondern um bewusstseinsnahe Wunsch- und Begehrungshaltungen, die an ein wirkliches oder scheinbares Unfallereignis oder an ein anderes entschädigungspflichtiges Ereignis anknüpfen. Sowohl bisher psychisch unauffällige und gesunde Menschen wie abnorme Persönlichkeiten können so reagieren. Der Sozialstaat mit seinen Sicherungen stellt dabei eine Versuchungssituation ersten Ranges dar. Im Allgemeinen wird, einen persönlichen Vorteil aus einer Situation zu ziehen, der einem nicht zusteht, nicht als Vergehen angesehen. In manchen Kreisen gilt es im Gegenteil als Dummheit oder Naivität, wenn dieser Versuch nicht gemacht wird. Dazu braucht es prinzipiell keinen neurotischen Komplex, keine unbewusste Willenshemmung gegenüber aufsteigenden Wünschen und egoistischen Ansprüchen.

Die rentenneurotische bzw. Begehrungshaltung äußerst sich in einer gewissen demonstrativen Betonung von Krankheitssymptomen und in negativer Einstellung gegenüber Behandlungsmaßnahmen, auch in mangelnder Kooperation bei Arbeitsversuchen. Je auffälliger aber schon die Grundpersönlichkeit ist, um so eher werden bei einer Rentenneurose demonstrativ vorgetragene Übertreibungen vorhandener Krankheitssymptome dazu kommen. Dabei sind Übergänge von der schauspielerischen Identifikation mit einem z. B. schwer geschädigten Unfallopfer zur bewussten Simulation fließend. Bei einer Rentenneurose entsteht nicht selten ein Rentenkampf, wobei es gelegentlich weniger um den materiellen Gewinn als um das Recht geht.

Häufig liefert z. B. der Unfall und seine Folgen nur den Anknüpfungspunkt für den neurotischen Konflikt. Es findet eine Verschiebung z. B. auf den Unfall oder auf ein anderes entschädigungspflichtiges Ereignis statt, das die erwünschte innere Entschuldigung bietet, um Anforderungen auszuweichen, die „Flucht in die Krankheit anzutreten“. Weil der neurotische Konflikt weit gehend unbewusst ist, geschieht auch diese Verschiebung unbewusst.

Als Beispiel kann jener Angestellte erwähnt werden, der aus neurotischen Gründen höhere, ehrgeizige Ansprüche an Beruf, Erfolg und sozialen Aufstieg stellt, als seinen Fähigkeiten und seiner Einsatzbereitschaft entsprechen. Für ihn bedeutet es eine geringere Kränkung des Selbstwertgefühls, wenn er einem Unfall und seinen Folgen die Schuld am eigenen Ungenügen geben kann. Der Unfall wird dann zum wegweisenden Erlebnis. In gleicher Weise kann ein Ehekonflikt durch einen Unfall entschärft werden, indem der Partner nun der Unfallfolgen wegen seine Ansprüche zurückstellt und vermehrt Zuwendung gibt.

Wichtige Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Forschung der Rentenneurose: Foerster 1984: „Berentung oder Nichtberentung hat keinen richtungsgebenden Einfluss auf das weitere Schicksal oder Befinden des Patienten“, bestätigt 1992. Strasser 1974: „Eine Rentenneurose ist nicht mit Aussicht auf Erfolg zu behandeln, so lange ein Rentenanspruch besteht oder in Aussicht steht“.

Generelle Therapiemöglichkeiten bei Rentenneurose

Sowohl somatisch wie auch psychotherapeutisch, je nach Schweregrad der Erkrankung ambulant bzw. stationär. Bewährt hat sich die Kombination von Einzel- und Gruppentherapie begleitet von Entspannungs- und Übenden Verfahren.

Psychotherapie in der HWK II bei Rentenneurose

Bewährt hat sich bei Rentenneurose das halb standardisierte Interview bzw. die dynamische Fokalanamnese sowohl bei Arbeitsstörungen, bei Umschulungen und bei Rentenanträgen. Gemeinsam mit dem Patienten wird ein therapeutisches Bündnis angestrebt mit Formulierung von therapeutischen Zielen. Der Erfolg einer Behandlung hängt wesentlich von der Prognose und von der Kooperationsbereitschaft des Patienten mit Rentenneurose ab.

Im Mittelpunkt der Behandlung stehen zwei Fragen:

  • 1. Was könnte Rentenablehnung bewirken?
  • 2. Wie geht es nach Berentung weiter?

Als übergeordnetes therapeutisches Ziel kann dabei gelten, zu lernen, sich im Leben aktiv etwas holen zu können.

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