1. Wie entsteht eine Multiple Persönlichkeit

Bei massiver traumatisierender Gewalt kann als eine spezielle Form der dissoziativen Symptomatik, eine so genannte Multiple Persönlichkeit, entstehen.

Bei Erwachsenen greift ein traumatisches Ereignis in ein bereits geformtes Persönlichkeitssystem ein und verursacht tiefgreifende Störungen, die den Alltag eines Menschen verändern können und ihn über lange Zeit beeinflussen. Man findet beispielsweise eine Posttraumatische Belastungsstörung mit Ängsten und Panik sowie immer wiederkehrenden überflutenden Erinnerungen an Erlebtes. Bei Kindern dagegen prägen und deformieren wiederholte schwere Traumata die Entwicklung der Persönlichkeit zutiefst. Die pathologische Umwelt erzwingt Entwicklung von Hilfs- und Schutzstrukturen, die gleichermaßen kreativ wie destruktiv sind, ohne dass ein Kind dies ermessen kann. Die multiple Persönlichkeit ist eine der Persönlichkeitsentwicklungen, die in ihrer Entstehung dem Schutz und Überleben der Person dient.

2. Definition der multiplen Persönlichkeit:

Eine multiple Persönlichkeit definiert sich wie folgt:

Man geht von der Existenz zweier und mehrer unterschiedlicher Persönlichkeit en und Persönlichkeitszuständen innerhalb einer Person aus; jede mit einem eigenen, relativ überdauernden Muster, die Umgebung und sich selbst wahrzunehmen, sich auf sich zu beziehen und gedanklich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Mindestens zwei dieser Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die volle Kontrolle über das Verhalten des Individuums.

3. Dissoziation ist alltäglich:

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass wir alle in einem gewissen Maße dissoziieren. Es gibt vielleicht ein „Berufs-Ich“, ein „Ausgeh-Ich“ und ein „Familien-Ich“, oder als anderes Beispiel vermissen wir einen Gegenstand, den wir gerade noch in der Hand gehalten haben. Wir versuchen dann durch Assoziationen, d. h. durch Zusammenfügungen zum Beispiel der Plätze, an dem wir diesen Gegenstand das letzte Mal gesehen haben oder wo er sein könnte, ihn wieder zu finden. Wir haben unterschiedliche Persönlichkeitsaspekte in uns, aber keine unterschiedlichen Personenanteile. Normalerweise ist es so, dass wir Zusammengehörendes trennen können und das Bild speichern, um es dann bei Bedarf wieder zusammenzufügen. Der größte Teil von Menschen, die eine multiple Persönlichkeit entwickelt haben, mussten dies, wie beschrieben, als Schutz oder Überlebensmechanismus tun. Diese Menschen haben in der Regel massivste sexuelle und körperliche Gewalt erlebt, die bereits in frühester Kindheit begann. 80 % der aktenkundigen Gewalt findet im Elternhaus statt, etwa 90 % der Prostituierten waren als Kinder sexueller Gewalt ausgesetzt. Mögliche Ursachen für die Entstehung einer multiple n Persönlichkeit sind unter anderem frühe Kinderprostitution, Kinderpornografie, so genannte Snuff -Pornografie mit realen Folterszenen, die nicht selten bis zum Tod des Opfers führen oder die seelische Verstümmelung bei bester Bild- und Tonqualität darstellen. Täterkreise tarnen sich häufig als Sekten oder andere Gruppierungen und üben rituelle Gewalt aus. Häufig sind die Eltern aktiv zu den Täterkreisen zugehörig oder liefern die Kinder den Peinigern aus. Es sind neunmal mehr Frauen Opfer als Männer, wobei die Dunkelziffer bei den Männern hoch ist. Frauen sind als Folge der Gewalt häufig seelisch schwerst erkrankt und werden in Psychiatrien eingewiesen, betroffene Männer neigen mehr zu Gewalt und landen oft in Gefängnissen.

4. Struktur von Menschen mit multipler Persönlichkeit:

Patientinnen mit multipler Persönlichkeit sind in vielen Fällen ähnlich strukturiert. Es gibt die so genannte Gastgeberin oder Kernpersönlichkeit (Host), die oft über lange Zeit nichts von unterschiedlichen Innenpersonen, den so genannten „Alters“, weiß. Als „Alter Egos“ oder „Alters“ kann es Babys, Kinder beiderlei Geschlechts, Erwachsene beiderlei Geschlechts, teilweise mit unterschiedlichen Aufgaben, täteridentifizierte Anteile, die oft zu destrukivem Handeln neigen, so genannte Zerstörer und Beschützeranteile geben. Häufig existieren außerdem drogenabhängige, sich prostituierende sowie soziopathische Anteile. Viele Menschen sind lange Zeit für die Tatsache amnestisch, dass sie unter einer solchen multiple n Persönlichkeit leiden. Häufig sind es Auslöser im Alltag, die zur seelischen Labilisierung führen, wie zum Beispiel der Tod eines Elternteiles, die Geburt eines Kindes, erneute Gewalterlebnisse, die dann die amnestische Barriere durchbrechen lassen, so dass eine dissoziative Identitätsstörung mehr ins Bewusstsein rückt.

5. Zu den Merkmalen der multiplen Persönlichkeit:

Die Innenpersonen einer multiplen Persönlichkeit unterscheiden sich oft in vielerlei Hinsicht: So haben sie meist einen unterschiedlichen Geschmack, was z. B. Kleidung und Musik angeht, unterschiedliche Begabungen, Neigungen und Hobbys. Ihre Stimmen wie auch der sprachliche Ausdruck sind meist unterschiedlich und jede hat ein eigenes Gedächtnis. Manchmal sind an einzelne Innenpersonen bestimmte Gefühlswelten delegiert, so kann eine zuständig sein für Traurigkeit, eine andere für Hass, Beständigkeit oder Liebe.

Bei multiplen Persönlichkeit en finden wir meist unterschiedliche Handschriften, manchmal differierende EEG’s oder Krankheitssymptome. So kann zum Beispiel eine Innenperson an Diabetes mellitus leiden, die übrigen Innenpersonen oder die Gastgeberpersönlichkeit können stattdessen gesund sein.

Solange die Innenpersonen noch keinen Kontakt untereinander haben und auch bei der Gastgeberperson noch kein Co-Bewusstsein besteht, leiden die Menschen mit multipler Persönlichkeit unter erheblichen Zeitverlusten. Sie haben Zeitlücken sowohl am Tag als auch in der Biografie, die sie lange Zeit zu kaschieren versuchen. Die Zeitlücken können Minuten, Stunden, Tage, Wochen bis zu Monaten dauern und führen bei den Betroffenen zu erheblichen Verunsicherungen und zu Ängsten.

Bei einigen Menschen mit multipler Persönlichkeit besteht eine Drogen-, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit. Viele haben körperliche Symptome wie zum Beispiel Kopfschmerzen oder Hauterkrankungen. Fast alle leiden unter diffuser Panik und ständigem Entsetzen. Die Selbstverletzungs- und Suizidrate bei PatientInnen mit multiple r Persönlichkeit ist extrem hoch. Viele betroffene Patientinnen und Patienten sind im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 6 Jahre in der Psychiatrie. Bei PatientInnen, bei denen Persönlichkeitsanteile nicht ausdifferenziert sind, sprechen wir von Egostate disorder. Hierbei handelt es sich meist um Personenfragmente, die sehr nahe beieinander liegen, ohne dass sie eine eigene Identität haben.

6. Zur Therapie der multiplen Persönlichkeit:

Aufgrund der häufig massivsten Gewalt, der die Menschen mit multipler Persönlichkeit meist auch durch vertraute Personen ausgesetzt waren, haben die meisten erhebliche Beziehungsstörungen. Daher fällt es ihnen schwer, sich auf eine therapeutische Beziehung einzustellen und einzulassen. Erschwerend kommt hinzu, dass es noch nicht ausreichend viele Behandlungsplätze im stationären wie im ambulanten Bereich mit gut ausgebildeten TraumatherapeutInnen gibt, die PatientInnen mit diesem Störungsbild behandeln können und/oder wollen.

Kommt eine Therapie zustande, so wird zunächst viel Zeit für beziehungsbildende Maßnahmen gebraucht. Im Weiteren sollte eine ausführliche Diagnostik erfolgen, um sich Sicherheit über die Diagnose zu verschaffen, da dies sowohl für die PatientInnen wie auch für TherapeutInnen erhebliche Konsequenzen nach sich zieht. Die multiple Persönlichkeit ist häufig mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung assoziiert.

Ist die Diagnose der multiplen Persönlichkeit sicher gestellt, geht es darum, die Patientin/den Patient zu unterstützen, die Diagnose anzunehmen. Dies ist für die betroffenen PatientInnen häufig ein schwieriger und manchmal schmerzhafter Prozess, da es meist Ängste vor Kontrollverlust oder starke Schamgefühle auslöst. Manche PatientInnen erleben es allerdings auch als erleichternd, weil sie Phänomene wie Zeitverlust und unterschiedliche Handschriften bei sich endlich verstehen und einordnen können.

Wenn die PatientInnen die Diagnose akzeptiert haben, werden in der Therapie Möglichkeiten einer guten Alltagsbewältigung innerhalb des Persönlichkeitssystems, einschließlich dem Umgang mit Krisen und destruktiven Persönlichkeitsanteilen erarbeitet und geübt.

In dieser Phase der Therapie wird nicht an Traumainhalten gearbeitet, da dies das Persönlichkeitssystem zu sehr labilisieren würde, sondern im Wesentlichen an der Kommunikation der Innenpersonen und der Gastgeberpersönlichkeit. Hierzu gehören Absprachen und Vereinbarungen sowohl innerhalb des Persönlichkeitssystems wie auch mit der Therapeutin/dem Therapeuten.

Die therapeutische Arbeit ist sowohl für Patientinnen und Patienten wie auch für TherapeutInnen sehr komplex und langwierig, zieht sich meist über viele Jahre. Der Schwerpunkt liegt in der ambulanten Therapie. Stationäre Aufenthalte wie wir sie in der Wicker-Klinik Bad Wildungen anbieten sind beispielsweise hilfreich zur Diagnostik, zur Stabilisierung, zur Begegnung mit gleichsam Betroffenen, was viele als Entlastung erleben, zum Austausch untereinander, zum Regenerieren und Klären soziamedizinischer Fragestellungen.

Trotz der meist langen Leidensgeschichte der Betroffenen und dem sehr komplexen Störungsbild können viele Patientinnen und Patienten mit einer multiple n Persönlichkeit von einer Therapie, die ressourcenorientiert ist, einen stabilisierenden Ansatz hat und entsprechend der Leitlinien der Traumatherapie durchgeführt wird, gut profitieren und ihre Lebensqualität deutlich verbessern.

Verfasser: Dr. med. M. Traub