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Kardiopulmonale Auswirkungen auf Herz und Kreislauf - Teil 2: Lunge und Atmung

|7 Minuten Lesezeit|1.2.2025

Eine Querschnitt­lähmung beeinträchtigt auch die Funktion innerer Organe, einschließlich des Herzgefäß­systems und der Lunge. Diese sogenannten kardio­pulmonalen Auswirkungen können die Lebensqualität und Gesundheit erheblich beeinflussen.

Lunge und Atmung

Lunge und Atmung

Die Atemfunktion ist aufgrund der Querschnitt­lähmung in Abhängigkeit von der Läsionshöhe häufig vermindert, da die Atempumpe beeinträchtigt ist. Je höher die Lähmung, desto höher ist die Beein­trächtigung der Atempumpe.

Unter Atempumpe versteht man das Zusammen­spiel verschiedener Muskeln bei der Ein- und Ausatmung. Beteiligt sind das Atem­zentrum im Gehirn sowie die Nerven­leitung vom Gehirn zu den an der Atmung beteiligten Muskeln. Der Beweglichkeit sowie der Form des Brustkorbes kommen hier ebenfalls eine wesentliche Funktion zu. Der wichtigste Atem­muskel ist das Zwerchfell, welches durch den Zwerchfell­muskelnerv gesteuert wird. Dieser Nerv verlässt das Rücken­mark zwischen den C3-5 (C2-C4).

Bei einer Querschnitt­lähmung oberhalb Th6 fällt die sympathische Nerven­versorgung aus und der Para­sympathikus dominiert. Hierdurch kommt es zu einer Verengung der Bronchien, zu vermehrter Produktion von zähflüssigem Lungen­sekret sowie zur Über­empfindlichkeit des Bronchial­systems.

Einschränkungen in Hinblick auf die Läsionshöhe

C1-C3: Eine selbstständige Atmung ist bei Zwerchfell­lähmung dauerhaft nicht möglich. Eine Beatmung über ein Beatmungsgerät ist erforderlich. Je nach Lähmungs­höhe ist teilweise nach Training eine kurzzeitige Atmung über die Atemhilfsmuskulatur im Bereich des Halses zur Über­brückung von Notfall­situationen möglich.

C4-Th1: Die Atmung ist selbstständig meistens möglich, evtl. ist eine Teil­beatmung (z.B. nachts über ein Beatmungsgerät) erforderlich. Der Hustenstoß ist deutlich eingeschränkt, eine Unterstützung beim Abhusten von Lungen­sekreten ist erforderlich.

Th2-Th7: Die eigene Atmung ist erhalten, der Husten­stoß ist eingeschränkt evtl. ist eine Unterstützung beim Abhusten von Lungen­sekreten notwendig.

Bis Th12: Einschränkung des Hustenstoßes bei Teillähmung der Bauch- und Beckenboden­muskulatur mäglich.

Einflussfaktoren auf die Atmung

Durch die Abnahme der Kraft zur Ein- und Ausatmung wird die Menge Luft, die pro Atemzug eingeatmet werden kann, reduziert. Um eine ausreichende Versorgung mit Sauerstoff zu gewährleisten, kommt es zu einer kompen­satorischen Erhöhung der Atem­frequenz. Insbesondere bei körperlicher Aktivität kann die Sauerstoff­aufnahme unzureichend sein und führt dann rasch zur Zunahme der Kurz­atmigkeit und zur Abnahme der körperlichen und geistigen Belastbarkeit.

Auch ist die zentrale Atem­regulierung im Gehirn bei veränderten Sollwerten im Blut - zum Beispiel von Kohlen­dioxid und Sauerstoff - gestört. Diese führt vor allem nachts und unter dem Einfluss von bestimmten Medikamenten, die die Atmung beeinflussen (Opiate, die spinale Spastik beein­flussende Medikamente, Schlafmittel etc.), zu einer Störung des Atemantriebes.

Risiken

Die Ausatmung wird je nach Lähmungs­höhe nicht mehr aktiv unterstützt, sodass vermehrt Luft in der Lunge zurückbleibt und zu einer Verminderung des nutzbaren Lungen­volumens führt. Ein effektiver Hustenstoß kann bei zu geringem Ausatemfluss (< 270 l/min) nicht mehr erzielt werden. Unter 160 l/min ist nahezu kein Husten mehr möglich. Das Lungen­sekret kann nicht mehr oder nur noch ungenügend abgehustet werden. Es kommt zu einem Sekretstau in der Lunge mit Ver­schlechterung der Lungen­funktion bis hin zum Lungen­versagen. Insbesondere Infektionen der Luftwege können bei vermehrtem Sekret­aufkommen rasch zu einer kritischen pulmonalen Situation führen - mit der Notwendigkeit einer Intensivierung des Sekret­managements (Inhalation, mechanische Abhusthilfe, Lagerungsmaßnahmen, Medikamente, Beatmung).

Außerdem besteht ein erhöhtes Risiko für Infektionen der Lunge, wenn Schleim zurückbleibt und Lungen­abschnitte nicht mehr ausreichend belüftet werden, sowie für die Aspiration von Nahrung und anderen Fremd­körpern, wenn diese bei fehlendem bzw. eingeschränktem Husten­stoß nicht aus der Luftröhre und tieferen Lungen­abschnitten hochgehustet werden können. Der Husten­stoß kann mit Hilfe eines Peak cough flow-Meters gemessen werden.

Durch Veränderungen des Rumpfes kommt es allmählich zu einer Versteifung des Brustkorbes - zum Beispiel durch eine Lähmungs­skoliose und die dadurch verminderte Bewegung der Rippen bei abgeschwächter Ein- und Ausatmung sowie bei Spastik der Interkostal­muskulatur*. Hierdurch verschlechtert sich die Lungen­funktion zusätzlich.

*Skelett­muskulatur, die sich zwischen den Rippen ausspannt und die Brustwand formt und bewegt. Neben dem Zwerch­fell ist sie der wichtigste Teil der Atem­muskulatur. Sie hebt und senkt die Rippen und ermöglicht so das Ein- und Ausatmen.

Der wichtigste Atemmuskel ist das Zwerchfell.

Aufgrund der eingeschränkten bis fehlenden Bauch­muskulatur kommt es zu einer verschlechterten Funktion des im Sitzen „durch­hängenden“ Zwerchfelles, sodass die Atmung im Liegen häufig leichter fällt. Dieses steht im Gegensatz zur Atemnot bei Herz­schwäche oder COPD, bei der eine sitzende Haltung zur Beschwerde­linderung führt.

Bei Menschen mit einer Querschnitt­lähmung kann - aufgrund der Darm­lähmung mit Verstopfung, Blähungen und Spastik der Bauch­muskulatur - eine Erhöhung des Druckes im Bauch beobachtet werden. Dies führt zu einer Reduktion der Zwerchfell­funktion mit vermehrter Atem­arbeit und kann zu einer ausgeprägten Ver­schlechterung der Atmung (in Abhängigkeit des Ausmaßes der lähmungs­bedingten Einschränkung) der Lungen­funktion führen.

Therapie und Prävention

Bei hoher Tetraparese mit Beatmungs­notwendigkeit und/oder deutlich abge­schwächtem Hustenstoß erfolgt üblicherweise die Anlage eines Tracheostoma (Luftröhren­schnitt) zur maschinellen Beatmung und zur Sicherstellung des Sekret­managements durch Absaugen. Auch bei Menschen mit einer hohen Querschnitt­lähmung, die noch keinen Luftröhren­schnitt benötigen, muss besonders intensiv eine Prophylaxe von lähmungs­bedingten und die Atmung betreffenden Komplikationen erfolgen.

Empfohlen werden:

  • Regelmäßiges Inhalieren mit Kochsalz­lösung, um die Konsistenz des Sekretes (Sekret­viskosität) zu verbessern. Bei Verengung der Bronchien ist eine zusätzliche Inhalation mit entsprechenden Medikamenten notwendig. Außerdem ist eine ausreichende Flüssigkeits­aufnahme erforderlich.
  • Manuelle (Bauch-/Thoraxkompression, Lagerung) und mechanische Unterstützung des Abhustens (In-Exsufflator).
  • Konsequente Mobilisation im Rollstuhl, evtl. Unter­stützung der Atem­mechanik durch einen Bauchgurt. Tägliches Atemmuskel­training über mindestens zehn Minuten zur Stärkung der Muskeln, die an der Ein- und Ausatmung beteiligt sind.
  • Überprüfung einer nächtlichen Atemstörung bei durchgehend selbstständig atmenden Menschen mittels Polygrafie und ggf. Anpassung einer nächtlichen Beatmung über eine Maske oder über einen vorhandenem Luftröhrenschnitt.
  • Regelmäßiges Abführen und die Vermeidung voluminöser Mahlzeiten.
  • Regelmäßige Kontroll­untersuchungen der Atmungs­parameter, Blutgase und des Sekret­managements.
  • Gewichts­kontrolle, Nikotinverzicht, vermehrte körperliche Aktivität, Behandlung weiterer kardiopulmonaler Erkrankungen.
  • Impfung gegen Influenza (jährlich), Pneumokokken, Pertussis, Covid-19.
  • Bei Infekten und Verschlechterung der Atmung zeitnahe Vorstellung beim Hausarzt und bei entsprechendem Befund Kontakt­aufnahme zu einem Querschnitt­zentrum.

Der Beitrag wurde im PARAplegiker (02/2025), dem Mitgliedermagazin der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. (FGQ), veröffentlicht.

Über den Autor

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Über den Autor

Oberärztin
Frau Indira Rakshit
Fachärztin für Innere Medizin