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Kardiopulmonale Auswirkungen einer Querschnittlähmung - Teil 1: Das Herz-Kreislauf-System

|6 Minuten Lesezeit|1.1.2025

Eine Querschnittlähmung beeinträchtigt auch die Funktion innerer Organe, einschließlich des Herzgefäß­systems und der Lunge. Diese sogenannten kardio­pulmonalen Auswirkungen können die Lebens­qualität und Gesundheit erheblich beeinflussen.

Herz-Kreislauf-System

Das Herz-Kreislauf-System

Bei einer Querschnitt­lähmung ist auch das autonome Nervensystem betroffen. Dieses ist für die Funktion und Regulierung der inneren Organe zuständig und kann fast nicht willentlich beeinflusst werden. Man unterscheidet das sympathische und das para­sympathische Nerven­system.

Das sympathische Nervensystem ist für Stress­reaktionen wie „Flucht“ zuständig, indem es dafür sorgt, dass die Herz­frequenz und das Schlag­volumen bei Belastung zunehmen, die Blut­gefäße sich bei Stress verengen und es zu einem Blutdruck­anstieg kommt. Zusätzlich kommt es zu Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt, die Niere und die Blase, welche in Ruhe­zustand versetzt werden. Die Nerven des Sympathikus entspringen auf Höhe Th1-L2 und sind bei einer oberhalb liegenden Rückenmark­schädigung ausgeschaltet.

Der Para­sympathikus versetzt das Herz-Kreislauf-System in einen Ruhe­zustand: Es wird weniger Adrenalin produziert, das Herz schlägt langsamer, der Blutdruck verringert sich, die Bronchien ziehen sich zusammen und es werden vermehrt Körper­säfte produziert. Das para­sympathische Nerven­system entspringt als Hirnnerven direkt der Schädelbasis, sodass die Funktion bei einer hohen Querschnitt­lähmung noch erhalten bleibt und bei fehlendem Gegen­spieler (Sympathikus) für das Herz-Kreislauf-System bestimmend wird.

Sicherheit ist das Dogma

Ein unzureichendes Darm­management mit Inkontinenz­ereignissen hat für die betroffenen Patienten gravierende Folgen. Das Risiko von Harnwegs­infektionen und Haut­läsionen im Damm­bereich steigt in Folge der verstärkten bakteriellen Konta­mination und der permanent feuchten Haut­verhältnisse. Blähungen mit Unwohlsein oder anderen Bauch­beschwerden kommen hinzu.

Die Sorge einer ungewollten Darm­entleerung führt zu einer Einschränkung an der gesell­schaftlichen Teilhabe. Niemand verlässt das Haus mit der Sorge einer drohenden Darm­entleerung, nimmt Termine wahr oder lädt Gäste ein. „Sicherheit ist nicht verhandelbar“ - diese Aussage eines Patienten, der täglich viele Stunden in seine Darm­entleerung investiert, ist als ein Dogma des Darm­managements aus Sicht der Betroffenen zu verstehen.

Mit zunehmender Lebens­erwartung und erhöhtem Alter bei Eintritt der Rückenmarks­schädigung kommen in den letzten Jahrzehnten die konservativen Möglichkeiten des Darm­managements an Grenzen. Das bedeutet, dass das Dogma mit konservativen Maßnahmen allein nicht ausreichend zuverlässig erreicht werden kann.

Regulation von Herzfunktion und Blutdruck

Durch die ungebremste Aktion des Para­sympathikus schlägt das Herz bei einer hohen Querschnitt­lähmung langsam (oft mit Frequenzen zwischen 40-60 Schlägen pro Minute, bei Gesunden liegt die Ruhe­frequenz bei 60-80 Schlägen pro Minute). Das Herz ist nicht in der Lage, angemessen auf Belastungen mit einem Frequenz­­anstieg zu reagieren. Die Blutgefäße erschlaffen und die Adern weiten sich, sodass der Blutdruck abfällt. Insbesondere bei schnellen Lage­wechseln und Mobilisation kommt es hierdurch zu einem „Versacken“ des Blutes in die unteren Körperpartien und zu einer Minderversorgung des Gehirns.

Dieses führt häufig zu Schwindel, Müdigkeit und Antriebs­schwäche bis hin zu Bewusstseins­störungen bei aufrechter Körperhaltung (orthostatische Dysregulation). Im Verlauf der Querschnitt­lähmung passt sich der Körper an und die Symptomatik nimmt ab. Allerdings besteht bei Tetraplegie die Neigung zu einem verlangsamten Herzschlag (Bradykardie) und einem zu niedrigen Blutdruck (Hypotonie) fort. Wohingegen sich bei Para­plegikern im weiteren Verlauf im Rahmen von Alterungs­prozessen (ähnlich wie bei gesunden Menschen) häufig ein Bluthoch­druck entwickelt. Patienten sollten regelmäßig Blutdruck messen und bei auffälligen Blutdruck­schwankungen eine weiterführende internistische Abklärung inklusive einer 24-Stunden-Blutdruck­messung veranlassen.

Weitere Risiko­faktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Diabetes mellitus, Übergewicht und Fettstoffwechsel­störungen sowie Bewegungs­armut. Hier spielt Prävention eine große Rolle. Eine Vielzahl von attraktiven Angeboten, um der Bewegungs­armut zu begegnen, werden in dieser Ausgabe des PARAplegiker vorgestellt.

Autonome Dysreflexie

Nach der Anfangs­phase der Querschnitt­lähmung entwickelt sich bei Lähmungs­höhe oberhalb Th6 bei fehlender Steuerung durch das Gehirn eine unkontrollierte Reaktion des autonomen Nerven­systems mit Spastik, Blutdruck­krisen und Herzfrequenz­schwankungen bei Reizungen unterhalb der Rückenmark­schädigung. Hierdurch können lebens­gefährliche Situationen entstehen, die einer sofortigen Behandlung bedürfen.

Häufige Ursachen für das Auftreten der Dysregulation sind die gefüllte Blase (Überdehnung) oder Darmverstopfungen bzw. -blähungen. Diese können auch durch rektale Mani­pulation, Infektionen, einen Dekubitus oder Knochen­brüche hervorgerufen werden. Im Rahmen der lebenslangen Nachsorge querschnitt­gelähmter Patienten ist regelmäßig insbesondere auf Symptome der autonomen Dysreflexie zu achten. Sollten sich Hinweise auf das Vorliegen einer Dysreflexie ergeben, so ist eine dezidierte diagnostische Abklärung notwendig (u.a. Neurourologie, Darmtrakt, Skelettsystem).

Therapie

Die Therapie richtet sich nach der individuellen Situation. Sind Erkrankungen im Rahmen der Diagnostik aus­geschlossen worden, die ursächlich behandelt werden können, so kann die Therapie etwa bei niedrigem Blutdruck in gezielter Physio­therapie, der Anpassung von Kompressions­strümpfen oder einem Bauchgurt und der Verordnung kreislauf­wirksamer Tropfen bestehen. Bei Beschwerden verursachenden Brady­kardien ist manchmal die Versorgung mit einem Herzschritt­macher notwendig. Bei Blasen- und Darm­problemen ist die Art der Blasen- und der Darm­entleerung zu überprüfen, umzustellen oder medikamentös zu behandeln.

Fazit

Die Lebens­erwartung querschnittgelähmter Patienten hat sich in den letzten Jahr­zehnten erfreulicher­weise deutlich erhöht. Noch ist sie jedoch reduziert und hängt von der Lähmungs­höhe und der Schwere der Lähmung ab. Je älter die Patienten werden und je tiefer die Lähmungs­höhe ist, desto eher entsprechen die Todes­ursachen denen von nicht-gelähmten Menschen und bestehen insbesondere in Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herz­infarkt und Schlag­anfall. Im Rahmen der empfohlenen lebenslangen Nachsorge von Menschen mit einer Querschnitt­lähmung in spezialisierten Zentren sollten die zuvor genannten Symptome beachtet werden, um eine gezielte Diagnostik und Behandlung einleiten zu können.

Der Beitrag wurde im PARAplegiker (01/2025), dem Mitgliedermagazin der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. (FGQ), veröffentlicht.

Über den Autor

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Über den Autor

Oberärztin
Frau Indira Rakshit
Fachärztin für Innere Medizin