MagazinPhysiotherapeutische Versorgung bei Querschnittlähmung

Physiotherapeutische Versorgung bei Querschnittlähmung

Wie gelingt moderne Physiotherapie bei Querschnittlähmung unter zunehmend schwierigen Rahmenbedingungen? Claudia Bethke spricht über Versorgungslücken, Fachkräftemangel und die Bedeutung langfristiger physiotherapeutischer Begleitung.

Herausforderungen, Entwicklungen und Perspektiven

Die physiotherapeutische Versorgung von Menschen mit Querschnittlähmung ist eine grundlegende Voraussetzung für das Erreichen größtmöglicher Selbstständigkeit, Mobilität und Lebensqualität. Gleichzeitig bleibt es eine große fachliche Herausforderung, die Grenzen des therapeutisch Möglichen realistisch einzuschätzen und individuelle Therapieziele zu definieren.

Die langfristige physiotherapeutische Begleitung spielt dabei eine zentrale Rolle: Sie trägt wesentlich dazu bei, Sekundärschäden zu verhindern und die körperliche Funktionalität über Jahre hinweg zu erhalten.

Ein herausforderndes Umfeld

Die therapeutische Versorgung von Menschen mit Querschnittlähmung ist heute von zahlreichen strukturellen und medizinischen Herausforderungen geprägt. Eine der wesentlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre ist das gestiegene Durchschnittsalter der Patienten. Neben der eigentlichen Rückenmarkschädigung müssen zunehmend begleitende Erkrankungen und Symptome berücksichtigt werden – insbesondere im Hinblick auf die lebenslange Nachsorge.

Diese zusätzlichen Einschränkungen stellen eine komplexe Herausforderung für die Rehabilitation dar. Erforderlich sind individuell angepasste therapeutische Maßnahmen und realistische Therapieziele, die bis zur Gestaltung der nachstationären Lebenssituation reichen. Dazu zählen unter anderem barrierefreies Wohnen, die Organisation von Pflegedienstleistungen oder auch eine Heimunterbringung.

Interview: Claudia Bethke zur aktuellen Versorgungssituation

Claudia Bethke leitet die Physiotherapieabteilung der Werner Wicker Klinik in Bad Wildungen. Im Interview spricht sie über die physiotherapeutische Versorgung von Menschen mit Querschnittlähmung, aktuelle Herausforderungen im Klinikalltag und ihre persönliche Motivation.

Motivation und beruflicher Hintergrund

Was reizt Sie an Ihrem Beruf?

„Bevor ich aus privaten Gründen nach Hessen gezogen bin, habe ich in der Pädiatrie (Kinderheilkunde) gearbeitet. Die physiotherapeutische Arbeit mit neurologisch erkrankten Kindern erfordert einen ganzheitlichen Behandlungsansatz, den ich in der Behandlung rückenmarkerkrankter Patienten und der interdisziplinären Zusammenarbeit wiedergefunden habe. Die Physiotherapie als wichtige Basis für die Entwicklungsbehandlung der Querschnittlähmung stellte für mich die inhaltliche Fortsetzung meiner vorherigen Tätigkeit dar. Die Menschen zu motivieren und gemeinsam den Ehrgeiz zu entwickeln, sind zentrale Aspekte meiner Arbeit.“

Veränderungen in der stationären Rehabilitation

In den vergangenen Jahren haben sich die Rahmenbedingungen der stationären Rehabilitation deutlich verändert. Kürzere Aufenthaltszeiten erfordern eine präzise Befunderhebung sowie eine vorausschauende Prognoseeinschätzung. Diese ist entscheidend für die Entlassungsplanung und die rechtzeitige Organisation der Hilfsmittelversorgung im nachstationären Umfeld.

Technische Weiterentwicklungen in der apparativen Therapie erweitern heute die Möglichkeiten für Patienten und Therapeuten. Besonders in der Atmungstherapie eröffnen sich neue Wege zur Sicherung der pulmonalen Situation und zur Steigerung der Lebensqualität. Auch moderne Gangtrainer stellen eine sinnvolle Ergänzung zu etablierten Methoden der Gangrehabilitation dar.

Die Umstellung auf digitale Dokumentationssysteme unterstützt zudem transparente Verlaufsdarstellungen und effizientere interdisziplinäre Arbeitsprozesse.

Breites Spektrum physiotherapeutischer Behandlungsmethoden

Das physiotherapeutische Team der Werner Wicker Klinik ist breit aufgestellt und bildet den gesamten Heil- und Hilfsmittelkatalog ab. Ein Schwerpunkt liegt auf neurophysiologischen Behandlungskonzepten wie:

  • Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)
  • Vojta-Therapie
  • Bobath-Konzept

Als anerkannte Vojta-Ausbildungsstätte werden regelmäßig interne und externe Therapeutinnen und Therapeuten geschult und zertifiziert. Ergänzend kommen unter anderem manuelle Therapie, Osteopathie, funktionelle Elektrostimulation, wasserspezifische Therapie, Gangtrainer, atemtherapeutische Maßnahmen sowie manuelle Lymphdrainage zum Einsatz.

Entscheidend ist stets eine befundorientierte Behandlung, um die therapeutischen Inhalte individuell und wirkungsvoll zu kombinieren.

Bedeutung der Heilmittelversorgung bei Querschnittlähmung

„Meiner Meinung nach ist eine adäquate Heil- und Hilfsmittelversorgung ein wesentlicher Bestandteil in der Versorgung der chronischen Rückenmarkserkrankung, welche erhebliche Folgen für den Bewegungsapparat haben kann.“

Sekundärschäden wie Kontrakturen, Asymmetrien, Fehlstellungen, Spastik oder muskuläre Überlastungen sollten möglichst reduziert oder vermieden werden. Physiotherapie ist dabei eine elementare Maßnahme, um Mobilität und Lebensqualität langfristig zu erhalten.

Die nachstationäre physiotherapeutische Versorgung gestaltet sich jedoch häufig schwierig. Viele Patienten berichten von fehlender Barrierefreiheit, eingeschränkter Mobilität und langen Wartezeiten. Hausbesuche sind teilweise notwendig, stehen jedoch nicht flächendeckend zur Verfügung.

Fachkräftemangel in der Physiotherapie

Eine weitere zentrale Herausforderung ist der zunehmende Fachkräftemangel im Bereich der Physiotherapie.

„Es bedarf umfangreicher Bemühungen, engagierte Physiotherapeuten für die Versorgung Rückenmarksverletzter zu gewinnen.“

Als Kooperationspartner einer Physiotherapieschule bietet die Werner Wicker Klinik regelmäßig Hospitationstage an, um Berufseinsteigern die Arbeit in der neurologischen Rehabilitation näherzubringen.

Zukunftsperspektiven der Physiotherapie

Physiotherapie ist ein Heilmittel, dessen Stellenwert weiter gestärkt werden sollte. Der Zugang zu therapeutischen Leistungen ist stark reglementiert, während der Nutzen physiotherapeutischer Interventionen möglicherweise noch zu wenig wahrgenommen und wissenschaftlich untersucht wird.

Die Ausbildung ist seit Jahren teilweise akademisiert. Unklar bleibt, ob sie künftig überwiegend schulisch oder universitär ausgerichtet sein wird. Eine Reform des veralteten Berufsgesetzes könnte den Stellenwert der Physiotherapie nachhaltig verbessern. Der wissenschaftliche Transfer in die Versorgungspraxis stellt dabei einen wichtigen Beitrag der Akademisierung dar.

„Zukünftig bleibt es unerlässlich, für den Stellenwert der Physiotherapie Sorge zu tragen.“

Quelle: PARAplegiker, Ausgabe 4/2025, Interview: Kevin Schultes

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